Von Ludwig Siegele

Woody Allen ahnte schon Anfang der siebziger Jahre, was uns noch fehlt: ständig erreichbar zu sein. In "Mach’s noch einmal, Sam" ließ er seinen Freund Dick bei jedem Standortwechsel ans Telephon eilen: "Ich bin jetzt fürs erste unter 362 9296 zu erreichen. Und dann unter 648 0024, ungefähr ’ne viertel Stunde. Und danach zu Hause .. Heute wäre der running gag ausbaufähig – moderner Technik sei Dank: Dick würde ständig zum taschenrechnergroßen Telephon in der Jackentasche greifen. "Sieh doch mal die positive Seite. Du bist frei. Du wirst viel ausgehen und Mädchen kennenlernen." – Piep! Piep! – "Ja, bei 83 verkaufen. Unbedingt." – Klack! – "Worüber haben wir uns gerade unterhalten?"

Und im nächsten Jahrzehnt wird der Endloswitz für den Bundesbürger zum Alltag. Dann soll das Auto- oder auch Mobiltelephon, bisher meist teures Spielzeug für die Betuchten der Nation, ein Vergnügen für viele sein. Zirka zwei Millionen Mobiltelephone wird es hierzulande Ende der neunziger Jahre geben, schätzen Post-Prognostiker.

Möglich macht das ein neues Mobilfunk-System, das sogenannte D-Netz. Dabei soll ab 1991 erstmals digital, das heißt im Null-Eins-Code, gesendet werden. Die Konsequenz: Es wird mehr Kanäle sowie kleinere und billigere Endgeräte geben. Viel teurer als ein gutes Autoradio heute werden die Funkfernsprecher von morgen nicht sein, prophezeien die Hersteller: rund 2000 Mark.

Die Verantwortlichen versprechen zudem ein grenzenloses Sprechvergnügen: Das neue Mobilfunk-System soll europaweit eingeführt werden. Vorbei ist dann die Zeit, als Deutsche etwa in Frankreich noch ein Zettelchen ans Autotelephon kleben mußten: "Die Benutzung dieses Geräts auf französischem Staatsgebiet ist bei Strafe gemäß Artikel L. 39 des Post- und Fernmeldegesetzes verboten."

Bisher ist die Bundesrepublik beim Mobilfunk im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn noch ein Entwicklungsland. Knapp 90 000 Autotelephone gibt es, umgerechnet etwa anderthalb pro tausend Einwohner. In Großbritannien sind es dagegen 410 000 Geräte oder rund sechs pro tausend Einwohner, Tendenz: kräftig steigend.

Dabei sind die Bundesbürger beileibe keine Mobilfunk-Muffel. Der Grund für den Rückstand liegt vielmehr in der Behäbigkeit des gelben Riesen. Die Post baut ihr derzeitiges System, das C-Netz, zu langsam aus. "Wir sind von der großen Nachfrage einfach überrumpelt worden", gesteht Armin Silberhorn, Leiter des Referats öffentlicher Mobilfunk.