Köln: "An den süßen Ufern Asiens – Reiseziele des 19. Jahrhunderts in frühen Photographien"

Bilderschauen per Kamera oder die Zerschnitzelung des Augapfels. Nur wer sich rückwärts wendet, empfängt den Balsam – ex oriente lux. Jener Orient, den Maler und Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts als Oase im aufkommenden Maschinenzeitalter mit Goldstaubwolken umhüllten und wo "Gleich Odalisken anmutiglich / Die schlanken Palmen fächern sich." Für Heinrich Heine, so europamüde, war jedes Stück Morgenland "erquickliche Labung nach königlich-preußischen Winternächten". Den Eskapismus fing die "Camera obscura" ein. Orientphotographie, Dienerin der Archäologie, folgte Delacroix, Gérôme, Vernet und ihren Malerkollegen. Salammbö hörte auf zu weinen und verharrte nackt, erdig-braune Statue vor der Palastmauer von Mussafir Chan in Kairo oder bot sich, als Haremsdame mit Wasserpfeife auf dem Diwan ruhend, den Blicken dar. In den Buden der Photographenunternehmer entstanden die Versatzstücke schwülstiger oder abenteuerlichexotischer Phantasie: über lange Minuten verharrte der Derwisch mit erhobenem Arm im Tanz, keine Hand verscheuchte die Fliegen von den Hammelkeulen des Händlers. "Excursions Daguerriennes" – Reisesouvenirs aus Ägypten, Palästina und dem Osmanischen Reich, Preziosen des Agfa Photo-Historama und privater Sammlungen, zeigen an die 130 Ansichten, in blasser Monochromie oder wohltuenden Sepiaschattierungen, Farbe des Wüstensandes bei Sonnenuntergang. Hineinverweht, winzig käferhaft vor den Pharaonengräbern, Tropenhelmtouristen und Diener im schwarzen Burnus, auf den Quadern der Cheopspyramide ein Knäbchen im Schottenkleid.

Amateure waren darunter, auch Orientwissenschaftler und heute so berühmte Lichtbildner wie Maxime du Camp, Auguste Salzmann oder der Diplomat Wilhelm von Herford, dem König Friedrich Wilhelm IV. für die "Ansichten von Jerusalem" Lob aussprach. Orientphotographie belebte das Reisegeschäft, in ihrer Attraktivität nur verständlich im Kontext militärisch-politischer und wirtschaftlicher Interessensverflechtung, vor allem nach dem Bau des Suezkanals. Wirklichkeitsflucht, durchsetzt mit Anklängen anti-osmanischer Stimmung, spielte dabei eine ebensolche Rolle wie alte Feindbilder aus der Zeit der Türkenkriege. Nicht wegretuschierbar war der okzidentale Herrschaftsgestus. Davon aber verraten die stillen, in ihrer Entrücktheit so wahren und gestochen scharfen Veduten nur wenig. (Römisch-Germanisches Museum bis zum 4. Dezember, Katalog 35 Mark). Ursula Voß