Angst" lautet das erste Wort des ersten Buches des 36 Jahre alten Krefelders Herbert Genzmers, der seit vielen Jahren im kalifornischen Berkley lebt. "Angst... Ängste Schiß ich hab den totalen Horror." Genzmer hat Angstgeschichten gesammelt und sie zu einem spannenden Buch zusammengeklebt, das vor zwei Jahren erschien: "Cockroach Hotel". In seinem zweiten Buch, der Erzählung "Manhattan Bridge" (1987) machte Genzmer so ziemlich alle Fehler, die ein von den USA faszinierter Deutscher nur machen kann. Er wollte eine richtige New-York-Nachtgeschichte schreiben, mit Tempo, thrill und Witz, ließ seine beiden Helden aber wie mit einem Szeneführer bewaffnet durch Manhattan rasen und unentwegt über den deutschen Blick auf den amerikanischen Alptraum räsonieren.

Daß seine Stärke in der kühlen, photographischen Technik liegt, muß Herbert Genzmer inzwischen klar geworden sein. Denn in seinem dritten Buch "Freitagabend" sind Überdramatisierung, Reflexivität und Exotismus restlos ausgeräumt. Ein seltener Fall: amerikanische coolness auf deutsch.

Es ist Freitagabend. Irgendwo in der westlichen Welt. Vier Personen machen sich fertig. Sie wollen ausgehen. Sie baden, rasieren sich, ziehen sich an. Dazwischen Champagner, Lachs, Gras und Koks. Irgendwann haben sie keine Zigaretten mehr. Einer soll neue holen. Er kommt wieder und sagt, die Welt sei weg. Alle lachen. "Komm schon, rück die Zigaretten raus!" Er hat keine Zigaretten. Die vier Personen verlassen die Wohnung.

Das ist die ausführliche Inhaltsangabe der Erzählung. Sie ist genau einhundert Seiten lang und lebt davon, daß ihr alles Leben ausgetrieben ist. Eine Art Stilleben mit Personen. Die Personen haben keine Geschichte und keine Gesichter, keine Wünsche und keine Meinungen. Sie haben nicht einmal Namen. Es gibt den mit dem weißen Kimono und den mit dem roten Bademantel und den Blonden und die Frau. Der Blonde ist auch "der mit dem Bart". Der Rote wird zu "dem mit dem Hemd". Dann nämlich, wenn er sich eins anzieht. Ein naturfarbenes Seidenhemd. Die Personen sind, was sie anhaben. Deshalb sind sie austauschbar. Und der Erzähler tauscht sie aus. Er wechselt die Kennzeichnung seiner Figuren gerade so häufig, daß der Leser nicht mehr genau weiß, wer gerade gemeint ist. Auf eine Person kommt es nicht mehr an. Wer spricht, ist keine Frage mehr. Es hört sich lässig-grob an. Dabei hütet sich der Autor vor jeder surrealen Überhöhung, bemüht sich um einen Realismus des Details: "In der einzigen Rille zum Ablegen von Zigaretten liegt eine gerade angezündete Marlboro, die leicht geöffnete Packung liegt daneben, darauf ein hellgraues Wegwerffeuerzeug. Neben der Packung, rechts daneben, liegt das zu einem kleinen Knäuel zusammengedrückte abgerissene Zellophan der äußeren Schachtel. Es knistert leise und bewegt sich leicht, öffnet sich ein wenig."

Wie mit Kamera und Mikrophon bewaffnet bewegt sich der Erzähler durch eine elegante Yuppie-Wohnung. Der reale Raum der Handlung entspricht dem imaginären Erzählraum. Statt Stimmungen, Begierden, psychischen Verwicklungen gibt es Kosmetika, Textilien, Genuß- und Rauschmittel. Die Konsumartikel werden (im Gegensatz zu den Personen) meist beim Namen genannt. Und die Figuren bewegen sich in diesem Raum wie das zerknüllte Silberpapier: Ohne Bewußtsein, wie von fremder Hand bewegt. Ständig rennt einer zum Spiegel, bleckt die Zähne, streicht sich durchs Haar. Ständig wird Champagner oder Gin Tonic nachgegossen. Ständig werden die Kleidungsstücke gewechselt. Es herrscht eine Hysterie des Genusses. Ein nervöser Narzißmus der eigenen Haut. Das wesentliche Außen einer Person ist die andere Person. Und die gibt es nicht in "Freitagabend". Ob zwei sich küssen oder streiten, ob sie sich aneinanderlehnen oder ihre Geschlechtsteile in Augenschein nehmen – es hat dieselbe Qualität und Bedeutung wie das Einschmieren des rasierten Kinns mit Penatencreme oder die Wahl einer rotgepunkteten Krawatte.

Wenn alles gleich bedeutend ist, ist nichts bedeutsam. Der Erzähler verhält sich zu seinen Figuren wie diese sich zueinander. Sie interessieren ihn nicht. Er läßt sie tun und sagen und dann fallen. Zum Beispiel die Traumerzählung des Weißen: Er erzählt wie er mit einer Frau die Parkhaustoilette betritt. Dort treffen sie auf eine verdreckte Bande von nackten Irren, die in einen Kübel pissen, menstruieren oder aus eiternden Wunden bluten. Dieses Gemisch trinken sie als eine Art Droge und kommen dem Paar hinterher. Das verläßt die Toilette, doch jetzt ist das ganze Kellergeschoß voll mit diesen Typen. Nach dieser Geschichte erhebt sich der Traumerzäher mit den Worten "So, das wars, das wollte ich dir nur kurz erzählen." Und die Reaktion darauf: "Wahnsinn! ... Toll, das war schön! Aber du bist ja doch ein ganz schöner Freak, was du dir so zusammenträumst. / – Doktor Jekyll und Mister Hyde! schreit sie von nebenan. / – Haste dich wieder eingeblendet, du kleines Fötzchen?" Und der Weiße geht wieder vor den Spiegel und parfümiert sich mit Eau de Cologne. Wahrscheinlich parfümiert er den Traum weg. Ständig präpariert sich jemand im Bad oder vor einem Spiegel. Parfümerieartikel ersetzen das Ich, Spirituosen das Unbewußte. Die eigentliche Konsequenz dieses Traums für Erzähler wie Hörer liegt in dem "Wahnsinn! Toll, das war schön!" Der Werbeästhetik des sexuellen Alptraums wird applaudiert. Minutenunterhaltung. Bedeutsam wie ein Zug an der Zigarette.

Der Zynismus der Erzählung ist vollkommen. Die Figuren sind intellektuell und emotional völlig entkernt. Es sind mechanische Puppen, angetrieben von einem schlichten narzißtischen Motor. Dessen leises Surren teilt sich der Erzählung in jeder Zeile mit. Es macht sie kalt, oberflächlich, unheimlich. Es bleibt dem Leser nichts anderes übrig, als Menschen mitzudenken, wo die Ego-Puppen agieren. Als ginge es um eine wirkliche Gewalt, um einen Einbruch des Realen ins imaginäre Gehäuse, simuliert er einen Höhepunkt: "Ich sah fern, ist da plötzlich dieses grelle Licht, wahnsinnig grell", sagt der Blonde. Die anderen sind ungläubig, sehen sich draußen im Garten um. Dann lachen sie. War da was? Droht ein Riß? Bricht die Wahrheit auf? Dann geht das Puppenspiel weiter. Mit Trinken, Rauchen, Anziehen und einer Linie Kokain.