Zwei Uraufführungen in Bonn: "Brut‘

von Matthias Zschokke, "George Sand"

Auf dem Besetzungszettel zur Stuttgarter Uraufführung von Thomas Bernhards "Minetti" (Regie: Claus Peymann) findet man Matthias Zschokke noch als Schauspieler. Er war damals in Stuttgart, später in Bochum engagiert. Dann sagte er dem Theater Adieu. Seit 1980 lebt er als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin.

"Max", Zschokkes erster Roman, erschienen 1982, erzählt aus dem Leben eines jungen Schauspielers, der mit dem Autor mehr als nur die ersten beiden Buchstaben des Vornamens gemeinsam hat. "Max ist Ästhet", schreibt Zschokke, "bürgerlich-schön" und dabei nicht ohne Talent für die Künste, zu denen er das Theater bald nicht mehr zählen mag. Es hatte sich vor seinen Augen von der moralischen Anstalt in eine "böse Institution" verkehrt. Max "suchte die Künstler und er suchte die Kunst, aber sie waren nicht da". Da warf er sich ein letztes Mal in Theaterpose, ein jugendlicher Held, ein deutscher Jüngling: "Ich schwöre Ihnen", deklamierte Max, "das Theater ist ebenso schmutzig und verbrecherisch wie Krupp". Dann zog er hinaus in die Welt.

Ein halbes Jahrzehnt danach stand Zschokke wieder auf der Bühne – als Autor. Im Bonner Stadttheater wurde ein Stück von ihm uraufgeführt: "Brut" (Regie, Bühne, Kostüme: Kazuko Watanabe). Schon vor Jahren wollte Zschokke "Brut" an der Freien Volksbühne in Berlin selber inszenieren (mit seinen Lieblingsschauspielern Fritz Schediwy und Hans-Peter Hallwachs). Aber mit dem plötzlichen Ende der Ära Hübner verschwand der Text wieder in der Schublade,

"Brut" ist ein Piratenstück. Seit Wochen liegt ein Freibeuterschiff in den karibischen Sümpfen – das Meer in weiter Ferne, die Piraten ohne Arbeit. Im "Vorsatz zu ,Brut’" beschreibt Zschokke eine "schwer lastende, brütende Stille, flirrend; der Schweiß rinnt flüsternd aufs Deck". Es surrt und lispelt, und manchmal probt das Bordorchester. "Aber vor allem hocken Zikaden im Mast, vor der Bühne, hinter den Scheinwerfern, überall." Geier sitzen dösend auf den Rängen, und aus der Ferne erklingt eine Arie. "Das ist ‚Brut‘: Ouvertüre, Finale, immer wiederkehrendes Motiv, Rezitative – eine sehnsüchtige Weise."

"Brut" ist ein Stück für ein großes Haus, am besten mit viel Plüsch. Zschokke leistet sich noch einmal das alte Illusionstheater, in dekadenter Manier (und nicht ohne Ironie). "Brut" ist kein Höhepunkt dramatischen Schaffens, sondern eher dessen Nachklang. Dieses Stück und Zschokkes Kunst haben keine Zukunft, aber eine große Vergangenheit.