Matthias Zschokke, 1954 in Bern geboren, wirkt wie ein junger Mann von Stand. Sein Schuhwerk ist von gediegener Eleganz, der Stoff seines Anzugs von unauffälliger Kostbarkeit. Im "Vorsatz zu ‚Brut’" schreibt er, er habe "etwas Filigranes bezüglich Seeräuberei zu berichten". Solche Dichter sterben ihren Tod noch in Venedig.

"Brut" ist ein alter Traum vom Theater, geträumt in schwer lastender Zeit, während flüsternd Schauspielerschweiß auf die Bretter rinnt und über den Bühnentürmen die Geier kreisen. In einer Werkstattbühne hat so ein Stück nichts zu suchen. Doch – quel malheur – eben dort fand es statt.

Dies war ein Theaterwochenende der Extreme (und extremer Mißverständnisse). Während Zschokke die alten Geister noch einmal rief, war Ginka Steichwachs angetreten, sie zu vertreiben. Für sie ist das Theaterstück "eine vergangene Kunstform" und "neuer Bauformen dringend bedürftig". Sie fertigt mit amazonenhafter Robustheit Textmontagen an, und man spürt: wenn ihr Sätze gelingen wie: "ich illuminiere die Lichtung der Dichtung" oder "List ist’s. Franz heißt die Kanaille" strahlt sie wie ein Klempner. Ihre Stücke bestehen aus verdrehten Zitaten, Sprachspielen, Reimzwängen; aus Elementen der Performance-Kunst und Filmeinblendungen. Metastücke, Kopftheater mit einer Portion Surrealismus. Von dieser Art ist auch "George Sand", ein Stück für die Werkstattbühne, das mit großem Pomp in den Bad Godesberger "Kammerspielen" uraufgeführt wurde (Regie: Ina-Kathrin Korff, Bühne: Hans Hoffer).

Die Geschichte ist einfach: Aus einer Frau von Stand wird eine Frau von Sand. Es ist die Geschichte der Amantine Lucille Aurore Dupin, verheirateten Baronin Dudevant, die das männliche Pseudonym George Sand benutzte, Männerkleider trug, Zigarren rauchte, Affairen mit Musset, Chopin und der Schauspielerin Dorval hatte – eine wahre Titanin, die gern als Renommieremanze zitiert wird. Bei Ginka Steinwachs betritt sie im 19. Jahrhundert einen Herrenschneidersalon ("Mein Pferd für eine Hose!") und nimmt im 20. Jahrhundert Karate-Unterricht. Am Ende arbeitet der Bildhauer Marceau, "vierunddreißigster, jüngster und letzter Liebhaber in der Rang- und Reihenfolge der Angebeteten", aus der "bloß lebendigen die unsterbliche, aus der Frau in Bewegung die Frau von Stand heraus". Das sind die eigentlichen Höhepunkte des Stücks: Wörter treten in unerwarteter Bedeutung auf, ein verlorengegangenes "T", im Falle S(t)and, erzählt eine ganze Geschichte.

Aber dies war ein Wochenende der Mißverständnisse. Der Bühnenbildner Hoffer zeigte uns die Szenen durch die orangerot leuchtende Silhouette einer Frauengestalt, einer überdimensionalen Neonreklame wie auf dem Kiez. Unter Vorgabe psychoanalytischer Aspekte wurden jeweils andere Stellen an der bunten Strichfrau betont. So blickte man durch ihre Lenden, Brüste, Schenkel auf Landschaften und Figuren. Wie bunter Kleister wirkt Hoffers Bildertheater (und furchtbar neureich). Der Regie blieb nur noch, die berühmten Personen aus George Sands Biographie in die Dekoration zu setzen. Aber damit wollte Ina-Kathrin Korff sich natürlich nicht begnügen. Also erfand sie zu den Sprach(lust)-Maschinen der Ginka Steinwachs Beinleiden, Lachkrämpfe und jede Menge Theaterreien. Auf ähnliche Weise wurden im Stadttheater vor Jahren schon die surrealistischen Stücke von Raymond Roussel vernichtet. Ja, man suchte an diesem Abend die Künstler, und man suchte die Kunst, aber sie waren nicht da. Man suchte sie deshalb bald draußen.

Dabei hatte sich die Dramaturgie alles so wunderbar ausgedacht. Auf das herbeigeredete Fräuleinwunder unserer Stadttheater, den Einzug der Regisseusen, wollte Bonn ein Amazonenwochenende folgen lassen. Denn auch Zschokke zeigt eine Frau in einem harten Männerberuf. Was fällt uns zu Piraten ein? Ein Schiff mit acht Segeln, Männer mit Augenklappe und Holzbein unter einer Totenkopfflagge bei Sturm, Eroll Flynn und einer Lancaster. angeführt: Brut aber wird von einer Kapitänin angeführt: Tristana Nunez, genannt "die Blutige" (gespielt von Monica Bleibtreu). Von der "Natur der Frau als einer meerheimsuchenden Piratin" spricht George Sand bei Ginka Steinwachs.

Tristana Nunez hält einen zitternden Dichter in einem Mastkorb gefangen, den kläglichen Erfinder des Geniedramas "Sardar". Die Dichtkunst ist anfällig geworden und unter die Seeräuber gefallen. Aber auch George Sand, die versucht auf den "Zug der französischen Literatur" aufzuspringen, hat es nicht leicht: "Eine ganz und gar trügerische Hoffnung: vom Schreiben leben." Bedeutsam wirft sie bei Hoffer blauleuchtende Blätter in die Luft. Zschokkes Dichter stirbt. Die Blutige sticht ihn ab.