Seit dieser Woche müssen junge Polen, die den Wehrdienst aus religiösen oder moralischen Gründen verweigern, nicht mehr ins Gefängnis – sie dürfen einen Ersatzdienst leisten. Dies ist bislang einmalig in den sozialistischen Staaten.

Das Militär in Polen hat eigentlich einen ganz besonderen Rang auf Grund seiner Rolle beim Kampf um die Unabhängigkeit in den letzten zweihundert Jahren und vor allem seit dem Überfall Hitlers auf Polen. Der Wehrdienst galt daher bis vor kurzem als heilige Pflicht, der sich nur irgendwie verdächtige Individuen zu entziehen versuchten, eben "Drückeberger". Doch Entspannung, der mehr als vierzigjährige Frieden, die heftige Kritik am Staat, die Verhängung des Kriegsrechtes durch das Militär und schließlich die Entstehung pazifistischer Strömungen im Westen – all dies führte dazu, daß in Polen ein weiteres Tabu gebrochen wurde. Und vor allem unter Gymnasiasten und Studenten gilt die Abneigung gegen Schulung und Wehrdienst nicht mehr als Schande, in Einzelfällen sogar als Grund zum Stolz, als eine weitere Form, bestehende Strukturen in Frage zu stellen.

Tabuthemen weden immer häufiger aufgegriffen. Zum Beispiel unterzog die große katholische Wochenzeitung Niedziela (Sonntag) das an den Gymnasien für die militärische Ausbildung vorgeschriebene Handbuch einer harschen Kritik. Und die Presse bespricht ausführlich die Argumente jener Studenten, die in einigen Fachbereichen der Krakauer Jagiellonen-Universität, der Warschauer Universität und anderer Lehranstalten den militärischen Schulungsunterricht boykottierten. Sie boykottierten auch den ideologisch-politischen Unterricht und die obligatorischen Russischstunden und beklagten sich über die allzu propagandistischen und archaischen Verteidigungslektionen, den Schematismus, die Indoktrinierung, die veralteten Methoden, vor allem jedoch über den fehlenden Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Klima in der Welt und den Stimmungen in der polnischen Jugend.

Junge Oppositionelle, die zum Beispiel in der illegalen Organisation "Wolnosc i Poköj" (Freiheit und Frieden) zusammengeschlossen sind, sprechen aber schon nicht mehr nur von religiösen oder moralischen, sondern auch von politischen Gründen für die Wehrdienstverweigerung. Ihre Wehrpässe schicken sie demonstrativ zurück – als Zeichen der Solidarität mit jenen, die Gefängnisstrafen abgesessen haben, weil sie den Dienst oder den Militäreid verweigerten, in dem vom Bündnis mit der Sowjetunion die Rede war. Der Sejm hat inzwischen eine neue Fahneneidformel verabschiedet, mit der die Soldaten nicht – wie bislang – der Sowjetunion, sondern den namentlich nicht genannten Verbündeten die Treue geloben. Über den Wehrunterricht werden Behörden und Militär mit sich reden lassen, falls der Boykott abgebrochen wird.

Offiziell spricht man nicht von "Wehrersatzdienst", sondern nur von "Ersatzdienst". Das Verteidigungsministerium scheint auf dem Standpunkt zu stehen: "Sie wollen das Militär nicht – das Militär will sie nicht." Das Militär braucht keinen politischen Streit um die Dienstverweigerung und das Land keine Gewissensgefangenen. Es hat keinen Sinn, junge Leute zur Erfüllung einer ehrenvollen Pflicht zu zwingen, deren Alltag viele von ihnen weniger mit der Ehre verbinden als mit mühseligem Dienst und Kasernenleben, Trennung von ihren Nächsten, Komplikationen bei der Berufsplanung. Nach Angaben des Regierungssprechers weigerten sich in diesem Jahr etwa 700 junge Männer, den Militärdienst abzuleisten. Die Kommissionen erkannten die Gewissensgründe von rund 500 Personen als gerechtfertigt an und überwiesen sie zum Ersatzdienst. Angesichts des Aufhebens, das um die Wehrdienstverweigerung gemacht wurde, sind diese Zahlen überraschend niedrig. Es gibt dafür viele Gründe, unter anderem das immer noch große staatsbürgerliche Pflichtgefühl und die Vorteile bei Ableistung des Dienstes (Berufsunterricht, Karrieremöglichkeiten im Militär oder bei der Miliz). Vielleicht aber vor allem die Tatsache, daß die überwiegende Mehrheit der polnischen Jugend der römisch-katholischen Kirche angehört, die den Militärdienst niemals für unvereinbar mit ihrer Doktrin hielt. Die Einrichtung der Militärkaplane ist in Polen ebenso alt wie die Kirche und das Militär. Wäre die Kirche gegen den Wehrdienst, wäre die Situation allerdings sehr schwierig.

Bleiben ein paar Zeugen Jehovas und Siebententagsadventisten. Insbesondere erstere erfreuen sich in Polen eines ausgezeichneten Rufes, und niemand verdächtigt sie der "Drückebergerei". Der Direktor des größten Sportstadions in Warschau erzählte mir, er habe sofort zugesagt, als die Zeugen Jehovas im Stadion einen Kongreß organisieren wollten. "Niemals davor oder danach habe ich jemanden gesehen, der das Stadion derart sorgfältig vorbereitet und aufgeräumt hätte", sagte er. Ebenso hatten die Gefängnisvorsteher nichts gegen die Zeugen Jehovas, die bei ihnen wegen Wehrdienstverweigerung einsaßen. Solche Gefangenen wird es jetzt nicht mehr geben.

Da sich die Kirche nicht gegen den Militärdienst ausgesprochen hat, berief sich nur ein Drittel der Verweigerer auf religiöse Gründe. Die übrigen gaben moralische Widerstände an, die sehr viel schwerer zu beweisen sind und ein Alibi für politische Einwände darstellen können.