Von Hans Schuh

Es sei "höchste Zeit, auf den Gebrauch des Begriffes Waldsterben zu verzichten", forderte die britische Wissenschaftszeitschrift Nature Anfang November in einem Kommentar. Denn: "Prophezeiungen, die neuartigen Waldschäden’ würden mit einem Waldsterben enden, sind nicht eingetreten", meinen die drei Autoren der provokanten Stellungnahme, Lutz Blank, Thomas Roberts und Richard Skeffington. Es gebe nicht, wie ursprünglich befürchtet, ständig steigende Schäden, die eines Tages zur Zerstörung ganzer Wald-Ökosysteme führten. "Im Gegenteil, es gibt regionale Erholungen", schreibt das Trio, das an den Central Electricity Research Laboratories in Surrey/Großbritannien arbeitet.

Blank und seine Kollegen befassen sich insbesondere mit den Waldschäden in Großbritannien und in der Bundesrepublik. Zwar sei in Westdeutschland ein "begrüßenswerter Trend zu weniger emotionaler und mehr durchdachter" Auseinandersetzung mit dem Thema zu beobachten, doch in der Vergangenheit habe die Debatte hierzulande an einem "Mangel verläßlicher Informationen in nahezu jeder Hinsicht gelitten, und die geäußerten Ansichten waren mehr durch vorgefaßte Meinungen als durch Fakten geprägt". Als Beispiel nennen sie unter anderem die einseitige Schuldzuweisung, Luftschadstoffe seien die einzigen Schadensverursacher. "Als sich dann herausstellte, daß keine solch einfache Ursache-Wirkungsbeziehung besteht, wurde diese Behauptung fallengelassen. Unglücklicherweise hat diese ursprüngliche und verfrühte Schlußfolgerung jedoch lange Zeit die öffentliche Meinung bezüglich der Ursachen der neuartigen Schäden überschattet."

Auch heute noch spukt unter so manch bundesdeutschem Schopf die Auffassung, die Waldschäden seien einzig mit der Luftverschmutzung zu erklären. Eine weitere, bemerkenswerte Altlast der emotionsgeladenen Auseinandersetzung ist auch die irrige Vorstellung vom Ausmaß der Baumerkrankungen. Sie wird allerdings von offizieller Seite genährt durch die Art und Weise der Einteilung und Interpretation der Waldschäden. So liegt der bundesweiten "Waldschadenserhebung", die alljährlich von den Ländern und dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BMELF) veröffentlicht wird, im wesentlichen eine fünfstufige Schadenseinteilung zugrunde, deren offizielle Deutung nach Aussagen ernst zu nehmender Fachleute in die Irre führt.

Hauptkriterium für die Einstufung sind der Blatt- oder Nadelverlust der beurteilten Bäume (siehe Tabelle 1). Beträgt dieser Verlust weniger als zehn Prozent im Vergleich zu einem gesunden Baum, dann gilt der Proband als wohlauf ("ohne Schadmerkmale"). Hat er sich zu 11 bis 15 Prozent entblättert oder entnadelt, dann gehört er zur Schadstufe 1 ("schwach geschädigt"), die auch als sogenannte "Warnstufe" bezeichnet wird.

Gemäß der Anfang November veröffentlichten "Waldschadenserhebung 1988" des BMELF weisen 52,4 Prozent aller Bäume Schadsymptome auf. Den Löwenanteil (37,3 Prozent des Gesamtbestandes, siehe Zeichnung) steuert dabei die "Warnstufe" bei. In die drei Kategorien 2, 3 und 4, also mittel und stark geschädigt beziehungsweise abgestorben, fallen 1988 "lediglich" 15,1 Prozent aller Bäume. Und genau hier setzt ein wesentliches Argument des Nature-Kommentares an: Von einer Erkrankung oder ungewöhnlichen Schädigung könne bei Blatt/Nadelverlusten bis zu 25 Prozent nicht die Rede sein!

Blank und seine Kollegen stützen sich dabei unter anderem auf die britische Forst-Kommission, die ebenfalls eine alljährliche Beurteilung des Waldes vornimmt. Sie klassifiziert dabei den Zustand der Bäume in zehn Stufen abnehmender "Kronendichte". Wird dieses Zehn-Klassensystem auf die fünf bundesdeutschen Schadstufen übertragen, dann ergeben sich für Großbritannien wesentlich höhere Schadensquoten als hierzulande. Nach deutscher Lesart hätten auf der Insel rund 46 Prozent der Fichten und mehr als die Hälfte aller Buchen (57) und Eichen (66 Prozent) als mittelstark oder stärker geschädigt zu gelten (Schadstufen zwei bis vier). Zum Vergleich: In diesen Stufen sind in der Bundesrepublik die Fichten mit 15, die Buchen mit 17 und Eichen mit 24 Prozent vertreten. Geradezu katastrophal wäre es um Britanniens Bäume bestellt, würde die Warnstufe (Gruppe 1) mit einbezogen: etwa 80 Prozent der Fichten wären dann siech ...