Wer eine neue Zeitung gründen will, braucht Mut – auch in England. Die meisten Leser stehen dort ein Leben lang zu ihren Blättern. In den vergangenen drei Jahren sind drei Zeitungsgründer binnen weniger Monate schmählich gescheitert. Doch seit zwei Wochen ist wieder ein neues Boulevardblatt auf dem Markt – die Post. Auf vorerst vier farbigen und 28 schwarz-weißen Seiten will sie mit den zwölf bereits bestehenden Gazetten der Tabloid Press konkurrieren.

Herausgeber und Hauptanteilseigner ist Eddie Shah, ihm gehören eine Reihe von Anzeigenblättern im Nordwesten Englands. Vor zwei Jahren gründete er in London das Boulevardblatt Today – es entpuppte sich schnell als eine Pleite. Die großartig angekündigten Farbseiten waren ebenso unscharf wie die ganze Linie der Zeitung, die laut Werbung auf "Mittelengland" zugeschnitten sein sollte. Wo diese Mitte zu finden sei, war indes nicht klar: ob im kaputten Industrierevier des Landes oder im heftig gerüttelten Mittelstand. Binnen weniger Monate mußte Shah Today an den Medienmagnaten Rupert Murdoch verkaufen. Heute hat sich die Zeitung mit einer Auflage von einer halben Million etabliert.

Murdoch profitierte von einer Pioniertat Shahs: Als erster ist er gegen die Macht der Gewerkschaften angetreten, indem er die modernen Lichtsatzmaschinen seiner Zeitungsfabrik von Arbeitern bedienen ließ, die nicht den eingesessenen Londoner Drucker-Gewerkschaften angehörten. Das Murdoch-Imperium (Times, Sunday Times, Sun und News of the World) entließ 1986 fast 6000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter.

Eddie Shah, verwandt mit dem schiitischen Sektenführer Aga Khan, hat den Traum von einer eigenen großen Tageszeitung nicht aufgegeben. Jetzt will er es noch einmal versuchen. Mit der Abneigung des Selfmademan gegen die elitäre Cliquenwirtschaft der Londoner City hat Shah die Hauptredaktion der neuen Post in Warrington (nahe Manchester) eingerichtet, wo auch seine 22 Anzeigenblätter produziert werden. Damit die Zeitung unter den übrigen Boulevardblättern heraussteche, hat der Herausgeber ihr porentiefe Sauberkeit verordnet, einen provinz- und hausfrauengerechten Schönwetter-Journalismus. Die Post sieht sich als rechtsliberal, will sich aber weder mit politischer Berichterstattung übermäßig befassen, noch Photos barbusiger Mädchen auf Seite drei drucken. Die Zeitung soll mit den Worten des Chefredakteurs Lloyd Turner "den Alltag von Männern und Frauen aufheitern".

Shah liegt im Trend: Vor drei Wochen wurde das Millionenblatt Daily Mirror verurteilt, eine Million Mark an das ehemalige Nacktmodell Koo Stark zu zahlen, weil die Zeitung eine jahrelang zurückliegende Affäre zwischen ihr und Prinz Andrew aufgewärmt hatte. Der Tory-Politiker Jeffrey Archer bekam im Sommer 1987 sogar über eineinhalb Millionen zugesprochen, nachdem der Star behauptet hatte, Archer sei von einer Prostituierten erpreßt worden. So hohe Entschädigungssummen sind neu. Zumindest die Gerichte haben kein Verständnis mehr für aufgeplusterte Zeitungsenten.

Wie pikant, daß ausgerechnet jener Lloyd Turner, der beim Star die Archer-Story zu verantworten hatte, heute als Chefredakteur der Post "den Gossenjournalismus" für die allgemein sinkenden Auflagen der Boulevardpresse verantwortlich macht. Er rechnet sich aus, daß von den acht Millionen Lesern der drei größten Sex-and-Crime-Blätter (Star, Sun und Daily Mirror) nur 370 000 zur Post überlaufen müssen, damit das Blatt sich trägt.

Indes, was die Briten verwerflich finden, verschlingen sie doch gleichzeitig in ihren Fast-Food-Postillen. Wenn Shah seine Linie beibehält, läuft er Gefahr, mit der Post genauso zu stranden wie seinerzeit mit Today: Die Leser laufen ihm – voll des Lobes, aber gelangweilt – davon. Der frühere Chefredakteur von Today, Brian Mac Arthur, hat Shahs damaliges Scheitern mit den Worten beschrieben: "Die Leute wollen nicht, daß ihre Zeitung zu ‚nett‘ ist. Klatsch und Häme bewegen die Welt."