Bonn

Mit Tumulten endete nach vierzehn Monaten vor dem Bonner Schwurgericht einer der letzten NS-Prozesse. „Assasin, Mörder“, rufen die aus Paris angreisten Juden, Angehörige jener 220 Opfer, die laut Anklage unter der Regie des angeklagten Modest Graf Korff in den Jahren 1942/43 von Frankreich nach Auschwitz deportiert und dort vergast wurden. Korff wurde gerade freigesprochen. „Nazigericht, Mörder“, kommt es immer wieder, einige ältere Leute im Saal weinen still vor sich hin, andere empören sich: „Ihr habt meine Familie kaputtgemacht und jetzt sprecht ihr ihn frei?“ Und immer wieder „Mörder“. Das Gericht verläßt den Saal.

Als das Gericht nach zehn Minuten wiederkommt, werden die Zuschauer des Saals verwiesen, einige lassen sich schreiend heraustragen. Der Schwurgerichtsvorsitzende Martin Lickfett beginnt mit einer Klarstellung: „Es ist nicht unsere Aufgabe, die Vergangenheit zu bewältigen, sondern die Schuld eines einzigen Angeklagten zu prüfen.“ Und eine Schuld des Angeklagten im Sinne der Anklage habe der Prozeß nicht mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit ergeben. Auch bei den scheußlichsten Verbrechen gelte der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

In seinem Plädoyer hatte Staatsanwalt Rolf Holtfort dem 79jährigen Angeklagten vorgeworfen, bei den Deportationszügen auch Greise, Schwerkranke und Säuglinge verschickt zu haben – vorgeblich im Glauben, daß es sich um einen Einsatz bei Straßenbauarbeiten handelte. Die Unglaubwürdigkeit der Behauptung war Holtfort ein Beweis dafür, daß, der Angeklagte das wahre Ziel, nämlich die Vernichtung in Auschwitz, gekannt hat und damit der Beihilfe zum Mord überführt sei. Er forderte sechs Jahre Haft.

Der Prozeß gegen den ehemaligen SS-Hauptsturmführer und pensionierten Ministerialrat im Bundeswirtschaftsminsterium Modest Graf Korff begann im April 1985. Mit Korff waren ursprünglich drei andere ehemalige SS-Angehörige angeklagt: Dr. Walter Nehrich (75), ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Regierungsrat a. D., Dr. Richard Wilhelm Freise (73), ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Landesverwaltungsrat, sowie Rolf Bilarz (75), ebenfalls ehemaliger SS-Hauptsturmführer und Journalist. Das Verfahren gegen Nehrich, der für die Deportation von 523 Juden verantwortlich sein soll, mußte eingestellt werden, weil ihm ein Gutachten „irreversiblen Altersabbau“ bescheinigte. Freise hatte bereits im August 1983 Selbstmord begangen, in seinem Abschiedsbrief jedoch seine Unschuld beteuert. Bilarz, angeklagt wegen der Deportation von 388 Juden, starb einige Monate später. So blieb dem Gericht nur noch der frühere SS-Kommandant Graf Korff.

Korff war 1933 der nationalsozialistischen Partei beigetreten und wurde im Jahr 1940 als Unteroffizier zur Wehrmacht eingezogen. 1942 kam er als SS-Hauptsturmführer nach Chälons-sur-Marne, wo er Kommandeur des Sicherheitsdienstes wurde. Nach dem Krieg stellte ein französisches Militärgericht in Metz ein Verfahren gegen ihn ein, in dem Korff lediglich Übergriffe gegen die französische Résistance vorgeworfen worden waren. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er als „nicht besonders Belasteter“ eingestuft. Korff trat zunächst in das damalige Bundesratsministerium ein und war später Ministerialrat im Bundeswirtschaftsministerium. Diese Angaben sind die einzigen, die der Angeklagte in den vierzehn Monaten machte. Sonst ließ er seine drei Verteidiger für sich sprechen: „Der Angeklagte bekennt sich im Sinne der Anklage für nichtschuldig.“

An den 45 Prozeßtagen wurden etliche Zeugen gehört; unter ihnen bekannte NS-Verbrecher wie etwa Kurt Lischka und Klaus Barbie, der im Gefängnis von Lyon vernommen wurde. Alle Aussagen lassen sich auf den einen Satz beschränken: „Ich kann mich an nichts erinnern.“ Außer einem Zeugen haben alle angeblich erst nach dem Krieg von der wahren „Endziel Vernichtungsmaschinerie Auschwitz“ gehört. An einem besonders schlechten Gedächtnis leidet der ehemlige SS-Obergruppenführer und Leiter der Verwaltung beim Militäroberbefehlshaber in Paris, Werner Best (84): Obwohl er als promovierter Jurist eine Blitzkarriere im dritten Reich machte, von Heinrich Himmler, Reichsführer SS, persönlich gebeten wurde, beim Aufbau der Reichssicherheitspolizei zu helfen, will er von Auschwitz erst nach dem Krieg erfahren haben. Er scheint sogar vergessen zu haben, daß er von Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei, 1939 zum Stellvertreter ernannt wurde. Erst als Serge Klarsfeld die entsprechenden Dokumente vorlegt, kann er sich erinnern. Er beendet seinen Auftritt mit einem angedeuteten Hackenschlag und einem Diener in Richtung Richterbank. Werner Best hat übrigens trotz umfangreicher Anklage nie im Gefängnis gesessen. Grund: Verhandlungsunfähigkeit. Bis zu seiner Pensionierung war er Justitiar in der Firma Stinnes/Mülheim. In Sachen Korff indes hat die Staatsanwaltschaft Revision angekündigt.

Julia Faßbender