Von Anita Högner

Sie möchte, erklärte Doris Maurer zum Auftakt, das Seminar abwechslungsreich und anregend gestalten: "Sonst müßten wir über den ‚Tod von Venedig‘ eine ganze Woche sprechen."

Ich hatte mich in Wildbad im nördlichen Schwarzwald zu einem dreitägigen Literaturkurs eingefunden, der Venedig gewidmet war. Um mich herum saß ein gutes Dutzend Novizen, Kenner und Könner, deren literarisches Interesse an der Lagunenstadt von vielen Quellen gespeist wurde. Der im Staatsdienst stehende Herr suchte den Kontrast zum spröden Aktendeutsch und die Deutschlehrerin ein paar Appetithäppchen außerhalb des gymnasialen Bildungsplans. Die alte Dame mit Silberhaar, sie hatte vor 20 Jahren Thomas Manns "Tod in Venedig" gelesen, erhoffte sich neue Einsichten, und eine begeisterungsfähige Norddeutsche die Begegnung mit ein paar von ihr vernachlässigten Autoren. Zu den Venedig-Fans gehörte auch jener Herr, der nach Beamtenmanier bedeutungsvolle Sätze und Passagen mit Lineal und Bleistift unterstrich. In dieses facettenreiche Bild paßte das Ehepaar aus Hannover, das jedes Jahr nach Wildbad kommt, aber "schon eine Ewigkeit nicht mehr" in der Lagunenstadt war und sich nun auf die Venedig-Lektüre freute.

Freude am Lesen – entsprechend dieser Leitlinie wurden von der örtlichen Volkshochschule und dem "Kurhotel Post" 1985 die "Wildbader Literaturwochen" ins Leben gerufen. Zehn über das ganze Jahr verstreute Seminare sollen fundierte Einsichten vermitteln, weshalb die VHS Oberes Enztal in der Erwachsenenbildung erfahrene Dozenten bundesdeutscher Universitäten verpflichtet. Schließlich soll auch die weiteste Anreise literarischen Gewinn einfahren.

Als einen Lesegewinn werten denn auch die meisten Teilnehmer die modernen und klassischen Autoren beziehungsweise die einem bestimmten Thema zugeordneten Seminare. Innerhalb kurzer Zeit avancierte Wildbad, von vielen sonst in Verbindung mit Rheuma und Ruhe gebracht, zum schöngeistigen Wallfahrtsort. Zur Beliebtheit der Literaturwochen mag auch der Umstand beitragen, daß die Seminare im Konferenzraum des Hotels stattfinden. Hohes Niveau und Behaglichkeit garantieren Stammgäste. Die Teilnehmer kommen aus der näheren Umgebung, es sind Kurz- und Mehrfachurlauber sowie Gäste, die ein Seminar ihrer Wahl in die verordnete Kur oder den geplanten Schwarzwaldurlaub integrieren.

Kultur und Natur miteinander zu verbinden, ist im Enztal ein leicht zu realisierender Vorsatz, auch für jene, die nicht unbedingt in Literatur baden wollen. Während ich die unterrichtsfreien Stunden für einen Stadtbummel oder Spaziergänge im Kurpark nutze, durchstreift mein Venedig-abgewandter Mann nach eigenem Gusto Täler und Höhen, um anschließend seine müden Glieder im Thermalbad zu kurieren. Nach Bad Herrenalb und Baden-Baden ist es nur ein Sprung, und die weiträumige Klosterruine Hirsau liegt quasi vor der Tür. Die von Ludwig Uhland besungene Ulme steht noch, und für alle, die in der Schule nicht aufgepaßt haben, hängt das diesbezügliche Gedicht an der Wand.

Die Referentin hatte für den Intensivkurs sechs Taschenbücher ausgewählt und damit den Bogen von Thomas Mann bis Peter Rosei gespannt. Mit Hilfe ausgewählter Textpassagen schälte sie die Intentionen des jeweiligen Autors heraus. Denn obwohl es kaum einem Schriftsteller gelingen dürfte, Gondeln und Paläste, "Harry’s Bar" und das "Cafe Florian" zu ignorieren, setzt jeder stilistisch und inhaltlich Akzente.