Offensichtlich kann es sich kein Interessenverband mehr versagen, für seine eigene Branche ein wohltönendes Öko-Bekenntnis abzulegen. Der Deutsche Reisebüro-Verband (DRV) ging über ein bloßes Lippenbekenntnis sogar noch hinaus. Im vergangenen Jahr stiftete er einen Umweltschutzpreis, und jene, denen er zufiel, hatten ihn durchaus verdient: jugoslawische Bürgerinitiativen, denen es gelungen war, einen Kraftwerksbau zu verhindern. Mit ihrem Widerstand bewahrten sie die Tara-Schlucht im Naturpark Durmitor vor einer Überflutung.

In der Laudatio der DRV-Repräsentantin hieß es damals: "Umweltschutz bedeutet auch Verzicht auf ökonomischen Gewinn." Wer hätte solch treffender Einsicht nicht zustimmen wollen?

Nun ist der Preis zum zweiten Mal vergeben worden. Belobigt wurde die Aktion "Bäumiger Sommer im Berner Oberland". Jeder Gast, der mindestens sechs Übernachtungen in dieser Schweizer Region vorweisen konnte, durfte ein Bäumchen pflanzen. Wobei der Fremdenverkehrsverband die Kosten für den Setzling trug, der Tourist hingegen für Transport, Pflanzung und weitere Pflege des kleinen Grünen zahlte.

Sechzig Gemeinden beteiligten sich an diesem Naturereignis. Ein Programmheft (aus Recyclingpapier, versteht sich) war aufgelegt worden, das zu "Pflanzenfesten, Holzschnitzkursen, Photowettbewerben um Baum und Blätter und zu Kreuzworträtseln am Waldlehrpfad" einlud. Außerdem gab es "viele, viele weitere bäumige Veranstaltungen".

So ging der Sommer dahin, und nicht nur die Oberländer hatten ihre Freude, auch die Touristen waren zufrieden. 300 000 Feriengäste sollen es gewesen sein, die hier fröhlich und freiwillig an der Aufforstung von Gemeindewäldern und privaten Baumbeständen mitwirkten und anschließend entlasteten Öko-Gewissens wieder nach Hause fuhren. Noch in der Festrede zur Preisübergabe klingt Begeisterung nach über diese kollektive Wohltat an der Umwelt: "Eine hervorragende Idee, eine Werbeidee, die Kunden bringen wollte und nach Meinung ihrer Initiatoren auch gebracht hat."

Ein erstaunlicher Einfall, ganz zweifellos: Wer es fertigbringt, nicht etwa der Umwelt zuliebe auf mehr Gäste zu verzichten, sondern statt dessen ökologisch Begeisterungsfähige für die eigenen ökonomischen Interessen einspannt – der kann sich zu Recht rühmen, eine großartige, eine nahezu geniale Idee gehabt zu haben. Eine, wie man jetzt weiß, preiswürdige Idee.

Wer auch verstünde die Seele des Urlaubers besser als Touristiker und Fremdenverkehrsdirektoren? In den Ferien will der Mensch glücklich sein und Gutes tun. Der Waldschadensbericht, eine Woche vor Preisverleihung in den Zeitungen veröffentlicht, wäre denn auch genau die falsche Urlaubslektüre. Sie hätte den fröhlichen Pflanzern das Herz unnötig schwer gemacht. Denn wer möchte schon sein frisch gepflanztes Bäumchen allein im sauren Regen stehen lassen? Rosemarie Noack