Vor dreißig Jahren inszenierte Nikita Chruschtschow die Berlinkrise. Wollte er den Westen erpressen? War es Bluff? Die Unruhe wurde zur Stunde der Wahrheit.

Von Peter Bender

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, Parteichef und Ministerpräsident der Sowjetunion, war klein von Statur, als deutschen Dolmetscher aber hatte er Werner Eberlein, einen Riesen. Ihre gemeinsamen Auftritte wurden, optisch wie akustisch, jedermann zum Erlebnis. Zu Beginn sprach Chruschtschow langsam und ließ hinter jedem Satz für Eberlein eine Pause. Doch wenn er sich warm redete, wurden die Pausen kürzer und blieben schließlich ganz aus – Eberlein mußte gleichzeitig übersetzen. Je mehr Chruschtschow in Fahrt kam, desto lauter wurde er – Eberlein mußte ebenfalls lauter werden. Auf den Höhepunkten schrieen beide gegeneinander an, Chruschtschow wild gestikulierend, der lange Eberlein, hinter ihm stehend und über seine Schulter gebeugt, gestikulierte mit (s. Bild S. 50).

Doch die Deutschen vor dreißig Jahren genossen weder Bild noch Ton, sie erschraken. Der Nachfolger Stalins hatte zwar die "Entstalinisierung" begonnen und sich als Reformator bewiesen, doch zugleich zeigte er sich als ein glühender Kommunist, der an den Weltsieg seiner Sache glaubte und energisch darauf hinarbeitete. Chruschtschow redete von Atomkrieg mit einer Selbstverständlichkeit, die Angst machen mußte; niemand wußte und konnte wissen, wie vernünftig er war, wenn es gefährlich wurde. Chruschtschows Temperament erschien ungezügelt und seine Politik unberechenbar, deshalb mißtrauten ihm viele auch dann, wenn er zu sinnvollem Interessenausgleich aufforderte. Und vor allem: Er drohte. "Chruschtschow" und "Drohung" galten fast als Syhonyme; auch wenn er nicht drohte, so meinte man, er tue es.

Am 27. November 1958 schickte er den Amerikanern, Briten und Franzosen gleichlautende Noten, in denen er ihnen wortreich erklärte, sie hätten das Potsdamer Abkommen über die Entmilitarisierung Deutschlands gebrochen; und da sie ihren Pflichten nicht nachgekommen seien, hätten sie, juristisch wie moralisch, auch das Recht verwirkt, weiter in Berlin Besatzungsmacht zu sein. West-Berlin, das eigentlich zur DDR gehöre, solle daher in eine "entmilitarisierte Freie Stadt" umgewandelt werden. Sechs Monate würden genügen, um die erforderlichen Verhandlungen zu führen; wenn bis dahin nichts geschehe, werde die Sowjetunion ihre Funktionen aus der Besatzungszeit an die DDR übergeben – die Westmächte müßten dann selber sehen, wie sie mit der souveränen deutschen Republik zurechtkämen.

Streckenweise lasen sich die Noten, als habe Chruschtschow sie, unruhig hin- und herlaufend und mit den Armen die Akzente setzend, seinem Eberlein diktiert. Dem entsprach die Wirkung. Die Politiker wußten, und die Westberliner empfanden, daß sich ein Konflikt anbahnte, dessen Ausmaß und Gefährlichkeit niemand übersah. Der "Geist von Genf", die Entspannung nach dem Gipfeltreffen im Sommer 1955, war über Nacht verweht; der Kalte Krieg schien wieder aufzuleben, und Stalins Berlin-Blockade stand vor aller Augen – sie war erst zehn Jahre her.

Der Berliner Witz wandelte Chruschtschows "Freie Stadt" sogleich zur "vogelfreien" Stadt um, und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt erkannte die Absicht, "ganz Berlin in die Zone einzugemeinden". Mit einem Abzug der Westmächte hätte die Inselstadt ihren einzig sicheren Schutz verloren. Sie wäre nicht einmal ein selbständiger Staat geworden, sondern ein undefinierbares Gebilde: nach außen weder durch die Alliierten vertreten noch durch die Bundesrepublik, angewiesen auf unsichere Mehrheiten in den Vereinten Nationen und abhängig von der DDR, die den gesamten Verkehr nach Westen kontrolliert.