Marktheidenfeld früher und heute: Rückkehr an einen veränderten Ort

Von Peter Roos

Am schlimmsten ist’s im Alten Schwimmbad. Das gibt es gar nicht mehr.

Hier habe ich die Ferien, nein – Endlossommer hab’ ich hier verbracht. Hier hab’ ich ’s Brustschwimmen gelernt, den ersten Kopfsprung rein ins Tiefe! Hier hab’ ich mich zum ersten Mal verliebt, in Anna, und ich habe sie geküßt, im Tiefen, unter Wasser.

Heute ist von allem nichts mehr da. Fast.

In meinem Hirn hör’ ich das Herz mir klopfen, ob sie heute ins Bad geradelt und dann auf meine Decke kommt. Ich schließe meine Augen und seh’ die schönen Hemmers-Töchter am Beckenrand entlangstolzieren, die Mutter vorne raus. Ich seh’ die Hermanns-Mädchen lagern, die Geli und die Gina, auf der zweiten Bank vom Sprungturm aus gezählt, ihre Mutter Mary ist im Wasser, mit Rubens-Goldhelm-Badekappe, aufgeklebte güldne Gummiblättchen. Am Klapptisch in der prallen Sonne Schüler vom Schachklub, vom Amtsrichter die Söhne und der dicke Golli und der Oechslein.

Mein Freund Fetsch und mein Freund Catcher machen Köpfer vom Ein-Meter-Brett, ich bin dabei, bis wir total erschöpft, nach hundertsechsunddreißig Sprüngen, nur noch ins Wasser torkeln. Vater bringt mir ’s Tauchen bei, und Knies gibt’s, weil ich ihn am Sommerende dann "abgezogen" habe: Er schaffte 48 Meter, ich die ganze Schwimmbadlänge plus Wende, macht 52 Meter ohne Luft. Am Gelände tuckern Mainschiffe vorbei, ich rieche Diesel, ich riech’ das Öl gegen die Bremsen, Schnaken und die Sonne, ich riech’ den Duft von "Heiße Würstchen!", die anderen Kinder drängeln sich und mich zum Ausschank hin, wo’s Bier gibt für die Großen, und Limo gibt’s für uns und Brausebrocken Marke "Prickel-Pit", Lakritz gerollt in Schnecken und als Stange, Wundertüten, Mohrenköpfe, Zehner-Waffeln, Himbeer-"Bomboms", "Luudscher" und Eis und Eis und Eis. Das Taschengeld hat selbstverständlich nie "gelangt". Die Frau am Schalter, immer blaß und immer blond und onduliert, energisch, eilig, freundlich und Samstag/Sonntag auch nervös.