Von Karl Hermann

Nur Füchse sind vermutlich anderer Meinung. "Leicestershire", findet Bob Payton, "ist der schönste Platz auf der Welt". Bob ist leidenschaftlicher Jäger und gerade bei der traditionsreichen Quorn Hunt von Leicestershire kommt er voll auf seine Kosten: Von Herbst bis Frühjahr hechelt die Meute "good old wily Reynard" hinterher. Den Rest des Jahres über raschelt’s im Unterholz, wenn sich Englands Oberschicht der zweitwichtigsten Hatz hingibt: der Jagd nach amourösen Abenteuern. Der Platz ist so begehrt, daß Edward, der vormalige Prinz von Wales, hier seinerzeit das Jagdschloß Stapleford Park erwerben wollte. Vergeblich: Seine Mutter, Queen Viktoria, verbot es ihm. Angesichts der lockeren Leicestershire-Sitten fürchtete sie um seine Moral. Seitdem residiert die königliche Familie zur Fuchssaison – weitab – in Sandringham. Jenes Jagdschloß aber ging in diesen Tagen in den Besitz von Bob Payton über, und der nimmt es mit den Sitten nun wirklich nicht so genau.

Bob Payton ist derzeit Englands bekanntester Amerikaner und – was noch schlimmer ist – Anbieter von Fast-Food-Menüs. Er hat den Briten nicht mehr und nicht weniger als das buchstäblich tiefgreifende Erlebnis der amerikanischen Topf-Pizza beschert und damit – innerhalb von wenigen Jahren – Millionen gescheffelt. Nun rätselt die halbe Welt, ob das ihm das Recht gibt, eines der heiligsten Güter der Nation zu entweihen: jenes Jagdschloß, ein aus der Tudor-Zeit stammendes ehrwürdiges Gemäuer, umgeben von 500 Morgen Land, das Payton nun seit mehreren Monaten als sein Heim bezeichnet.

Nach einigen Umbauten, die unter Elisabeth I. unweigerlich zur Enthauptung geführt hätten, präsentierte er jüngst, was seitdem nur noch einen Namen trägt: "Payton’s Palace" – ein mondänes Country-House-Hotel mit schwindelerregenden Preisen, dabei aber so zuckersüß, daß sich Journalisten je nach Herkunft vor Ekel schütteln oder – vom Anblick geblendet – in postfeudale Ergebenheitsstarre verfallen. Wie "Alice in Wunderland" fühlte sich die Chronistin von USA-Today, während eine britische Kollegin das Anwesen schlicht zur "No-Go-Area" (Tabuzone) für sensible Inselgemüter erklärte. Andere Journalisten sahen schon den Ausverkauf des historischen Erbes voraus, auch wenn – wie alle einhellig zugeben – Paytons Coup das Gebäude vor dem unweigerlichen Verfall gerettet hat.

In der ohnehin nicht gerade kurzen Liste der renovierungsbedürftigen englischen Bau-Denkmäler nahm Stapleford Park seit langem einen prominenten Rang ein. Erstmals verzeichnet ist das Schloß im "Domesday-Book" von 1087, dem angestammten Adressbuch für den britischen Hochadel. Über Jahrhunderte war es dann der Stammsitz der "Earls of Harborough", ehe es nach langem Siechtum 1894 in den Besitz des nobilitierten Bierbrauers Lord Gretton überging.

Der Bierbrauer-Lord ließ das Schloß von dem bekannten Kirchenarchitekten J. T. Micklethwaite in ein luxuriöses Landhaus umwandeln: dekorative Dining-Rooms mit Schnitzereien aus der Werkstatt von Grinling Gibbons, Empfangshallen mit allerlei Waidmannsutensilien, mahagoniverkleidete Waschräume und was sonst noch das Herz eines Herrenreiters höher schlagen läßt. Der Park, eine Arbeit von "Capability" Brown (um 1775), mit künstlich aufgestautem See und traditionellem "ha-ha" – ein trickreich angelegter Graben, um das Hausvieh vom Park fernzuhalten – erblühte um die Jahrhundertwende neu unter den Alleen und den arabesken Arkaden.

Doch die geselligen Bier-Barone hatten weniger Fortune als ihre Braubrüder aus der Guldenburg-Serie. Die hohen Grundsteuern in England, die schon manchem Lord die Laune am Landleben verdorben haben, machten auch die gesellschaftlichen Ambitionen der Grettons zunichte. Der 3. Lord residierte, um Heizkosten zu sparen, in einem Seitenflügel des 100-Zimmer-Palastes und sah sich 1982 endlich gezwungen, Stapleford Park zu verkaufen – weil er nicht enden wollte, wie andere Peers, die davon leben, daß sie für ein Pfund Sterling Touristen durch ihr Haus führen. So konnte es geschehen, daß in der Familienfolge auf Stapleford Park – für lumpige 750 000 Pfund übrigens – ein amerikanischer Anzeigen-Aquisiteur auf den dritten Platz vorrückte.