Von Thomas Kleine-Brockhoff

Daniela Dieseldorf nennt sich ganz einfach Jugendberaterin. Das klingt zwar ziemlich blaß und ist ein glattes Understatement. Aber so leicht glaubt ihr ohnehin niemand, was sie den ganzen Tag lang bei der Jugendbank, dem Pilotprojekt der Ulmer Commerzbank, tut: Kommt ein Siebtkläßler nach der Schule mit seinen Hausaufgaben vorbei, hilft Daniela bei Geometrie oder beim Deutschaufsatz. Streckt ihr irgendein Kind seine Lieblingskassette entgegen, dröhnt kurz darauf aus zwei 50-Watt-Lautsprechern, sagen wir: Michael Jackson, durch die Filiale an der Neuen Straße. Sagt eine 13jährige: "Daniela, mir ist langweilig, laß uns Trivial Pursuit spielen", spielt Daniela am Bankschalter Trivial Pursuit. Hat jemand Liebeskummer, spendet Daniela, 24 Jahre alt und somit in diesen Dingen erfahrener als ihre mindestens zehn Jahre jüngeren Kunden, Trost.

Daniela Dieseldorf tut am Banktresen eben alles für junge Menschen. Alles, was Kirchen, Jugendorganisationen und städtische Jugendzentren auch tun. Und noch ein bißchen mehr. Sie eröffnet, ganz nebenbei, Taschengeldkonten. Und sie streckt den Kindern, wenn nötig, zwei Mark Fahrgeld für die Straßenbahn vor. Dann allerdings aus dem eigenen Portemonnaie, weil derlei Kleinstkredite bankunüblich sind, jedenfalls zur Zeit noch. Aber die Ulmer Jugendbank ist ja seit zwei Jahren dabei, ihr Instrumentarium zu verfeinern, ist ständig bemüht, noch einfühlsamer auf die Bedürfnisse von Kindern einzugehen. Jeden Wicht heißt die Ulmer Jugendbank willkommen. Man kann ja nie wissen, wer oder was mal aus ihm wird. Der junge Kunde ist König. Erst recht der Nicht-Kunde. Weil der Nicht-Kunde in Wahrheit ein Noch-Nicht-Kunde, ein Kunde in spe ist. Und diese Sorte Mensch gibt es nur noch selten, denn 95 Prozent aller Bundesbürger unterhalten eine Bankverbindung. Und schon unter den 14jährigen haben die Banken ihre Claims abgesteckt – mehr als 80 Prozent besitzen Taschengeldkonten. Bei den 16jährigen ist das Rennen längst gelaufen – Kundendichte 100 Prozent. Die Banken müssen also, wollen sie weiter ordentlich Profit machen, schon heute ran an die Jüngsten.

Nur lassen einen die Jüngsten nicht so leicht ran. Die Macht der Mark kennt bei Grundschülern Grenzen. Nicht jeder ABC-Schütze begreift auf Anhieb, warum er unbedingt, möglichst sofort, ein Taschengeldkonto benötigt. Deshalb setzen die cleveren Strategen vom "Jugend-Marketing" auf "Rundum-Betreuung". Kinder ködert am erfolgreichsten, wer sich intensiv um sie kümmert: Freizeitgestaltung, Unterhaltung, Ferientips, Hausaufgabenbetreuung, Kontoeröffnung – die neue Ganzheitsmethode der Banker; die Geldwelt erzieht ihre Kinder. Sie werden, sagt Klaus Neumann, PR-Referent, "unmerklich an die Institution Bank herangeführt".

Insofern kann die Gründung von Deutschlands erster Jugendbank als ein Meilenstein auf dem Weg zum bankgerechten Kind gelten. Die Einrichtung ist wegweisend: Überall Errungenschaften der schönen neuen Medien- und High-Tech-Welt. Entweder nudelt das Hifi-Kassetten-Deck die aktuellen Hits ab oder das Videogerät eine Filmkonserve (zum Beispiel "Nummer fünf lebt", der Film über einen Computer, der sich verhält wie ein Mensch), oder im Kabel-TV (Sky Channel) gibt’s Musik-Videos, oder auf dem Schirm über dem Terminal erscheint ein neues Programm mit Computerspielen. Einzig die alte rote Coke-Maschine mit dem Kasten für das Leergut nimmt sich in diesem Ambiente altmodisch aus. Überhaupt das Styling: Kein tiefer, banktypischer Teppichboden, sondern PVC, dem sogar die Roller-Skates, auf denen einige Kinder hereingerollt kommen, nichts anhaben können; keine blankgeputze Edelholz-Täfelung, sondern knallig gelb gestrichene Regale; keine knarrenden Ledergarnituren, sondern Klappstühle mit Leinenbezügen. Ein kleines, ultramodernes Jugendzentrum, der Schreibtisch fürs Geschäftliche steht dezent im Hintergrund.

Daniela Dieseldorf und ihre 19jährige Kollegin Ute Schlienz sehen in ihrem schwarzen Aufzug aus, als seien sie gerade der örtlichen Szene und nicht einer Schmiede für aufstrebende Bankkaufleute entsprungen. Sie geben sich locker und lassen sich duzen. Daß Daniela schon vom Bankschalter aus geholfen hat, das Drogenproblem eines jugendlichen Kunden zu lösen, wird als verdienstvoll angesehen. Denn wer sich verstanden fühlt, kommt wieder und bringt Freunde; vielleicht sogar Nicht-Kunden mit.

Während der Schulferien ist Hochsaison. Die Stammkundschaft aus den umliegenden Innenstadt-Schulen schneit dann nicht bloß in den Freistunden mit dem Pausenbrot herein, sondern verbringt ganze Tage in der Bank und ruft, falls notwendig, vom Schalter aus zu Hause an ("Mutti, brauchst mit dem Essen nicht zu warten, ich bleib’ in der Bank"). Daniela und Ute sorgen für ein kurzweiliges Ferienprogramm. Zum Beispiel durch das "Große Jugendbank Preisrätsel" ("Wer ist der Sänger von "Dance Little Sister’? Michael Jackson, George Michael oder Terence Trent d’Arby?"). Zu gewinnen gibts – na was wohl? – ein Commerzbank-Sparbuch im Wert von 200 Mark. Oder die Jugendbank-Gemeinde wird aufgefordert, die "müden Treter in Bewegung" zu setzen. Bei der "Ulmer Stadtrallye" sind "kniffelige Aufgaben" zu lösen, etwa: "Wieviele verschiedene Soßen kann man bei McDonald’s zu Chicken McNuggets erhalten?" Ebenso anregend sind die Fragen beim "Jugendbank Comic- und Zeichentrickfilmquiz": "Wer ist der Dümmste der Dalton Bande?"