Leonard Bernstein: "West Side Story"

Es handelt sich hier weder um das populäre Musical, das seit über dreißig Jahren ein Welterfolg ist, noch um die 1960, drei Jahre nach der Premiere, arrangierte Orchestersuite, sondern um die erst kürzlich für das Klavier-Duo Güher und Süher Pekinel (mit zwei Schlagzeugern) konzipierte Version der Sinfonischen Tänze. Es sind neun teuflisch schwierige Stücke, voll jazziger Klangzauberei. Die virtuose Bravheit des "klassischen" Geheges, wie dies die beigefügten, harmonisch und rhythmisch durchaus neuartigen "Drei Preludes" von George Gershwin und die "Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug" von Béla Bartók zeigen, hat Bernstein mit seinem Mitarbeiterteam weit hinter sich gelassen. In genauer Kenntnis der türkisch-deutschen Interpretinnen muteten sie offenbar den temperamentvoll-adretten Zwillingen manuell zu, was das Zeug hält. Die Souveränität und Lässigkeit, mit der es bei der vorliegenden Erstproduktion auf Platte bewältigt wird, könnte manchen dazu verleiten, die knifflige Materie so eng verwobener U- und E-Musik zu unterschätzen. Auf traditionsgesichertem Boden mit Geradtaktigkeit und einschlägiger Harmonik geschieht da nicht eben viel. Nur wer sich tiefer in die pianistischen Finessen dieser Equilibristik versenkt, wird dem Können der Autoren und der Ausführenden Dank schulden. (Teldec 8 44146)

Peter Fuhrmann

Keith Richards: "Talk Is Cheap"

Was mag passieren, wenn jemand, der 25 Jahre in einem großen Unternehmen gearbeitet und einen Markenartikel versorgt hat, einen eigenen kleinen Laden aufmacht? Oder auch: Was macht ein Richards ohne seinen Jagger? Antwort: Sooo klein ist der Laden nie, wenn einer 25 Jahre bei den Rolling Stones gearbeitet hat, und zweitens: Er macht endlich eine Schallplatte, die man von den Stones so lange schon nicht mehr erwartet hatte. Genesen von dem Ruf, als "großer chemischer Versuch" und "wandelndes Laboratorium" durch das vermutlich nur noch kurze Leben zu delirieren, dringt Richards in psychologische Verästelungen, die dem Mammutkonzern Rolling Stones längst schon zu fein waren, um sich mit ihnen noch abzugeben. Richards arbeitet weiter am Lakonismus von Rock’n’Roll-"Riffs", also rüpeligen, elenden, erotischen, ungelenken Schlägen auf elektrisch verstärkte Gitarren. Dazu das ganze sentimentale Repertoire aus Soul und Gospel, aus Cajun-Musik der Franzosen von Louisiana und dem Voodoo der Kariben. Keine große Gemischtwaren-Handlung, sondern große Gefühle von kleinen Leuten. Einfache Worte, einfache Bluesnummern, von Richards schwarz und schmutzig geklagt. (Virgin 209 265) Freddie Röckenhaus