Die Lüneburger Heide ist ein permanent Kriegs-Übungsplatz

Es dauerte nur wenige Minuten. Die jungen Birken brachen wie Streichhölzer, dröhnend rollten Panzer über Äste und Wurzeln. Chris Alvermann stand am Rande des Forstes. Er hatte die Bäume mit anderen Landwirten gepflanzt. Als schon fast nichts mehr stand, konnte sich der Bauer nicht mehr beherrschen. Drohend zeigte er die Faust. Die Männer in den Panzern konnte er nicht sehen, aber sie sahen ihn. Drei Kettenfahrzeuge scherten aus. Wenige Meter vor ihm stoppten sie, die Geschützrohre auf ihn gerichtet. "Das war wie im Krieg, auch wenn ich wußte, daß keiner schießt", erinnert sich Chris Alvermann. Doch der Krieg ist schon lange vorbei. Besatzung der Panzer: Britische Soldaten, zum Üben in der Lüneburger Heide. –

Hof und Land des 55jährigen Landwirts liegen südlich von Schneeverdingen. Begegnungen mit Soldaten gehören für ihn zum Alltag, so brenzlig wie am Birkenwald war es indes nur einmal. In der vergangenen Woche sah Alvermann, wie an einem Waldweg aus drei Panzern das Öl abgelassen wurde. Den Kommandanten sprach er nicht an. "Die stellen sich dann taub oder verstehen mich wirklich nicht", weiß er längst. Und für fast alles, was sie tun, haben die Briten hier das Recht auf ihrer Seite.

Auf 345 Quadratkilometern in der Lüneburger Heide herrscht The Britsh Army of the Rhine. Sämtlichen 55 000 Soldaten der Rheinarmee soll in der Heide beigebracht werden, die freie Welt zu verteidigen. Alle 14 Tage wechseln die Bataillone. Gefechtspausen sind unerwünscht. Im letzten Jahr registrierte der Landkreis Soltau-Fallingbostel an 360 Tagen Übungen. Die Panzer können kilometerweit vorstoßen, Hubschrauber sichern die Attacken, Maschinengewehre knattern, weitaus lauter noch sind die Explosionen der Übungsmunition aus den Challenger-Panzern.

Mitten im Übungsraum liegen Städte und Dörfer, 26 000 Menschen leben dort. "Diese dauernde Inanspruchnahme eines bewohnten Gebietes für militärische Zwecke ist in dieser Art in Europa einmalig", heißt es in einem Bericht des Landkreises. Die Panzerübungen sind zwar auf bestimmte Teilflächen begrenzt (Red Areas), doch die fangen oft gleich hinter den Häusern an. Und in der weiteren Nachbarschaft liegen zwei Truppenübungsplätze der Nato. Auch der Luftraum gehört teilweise den Militärs. In manchen Nächten kommen, in Abständen von drei Minuten, Tornados der Bundeswehr. Und die Maschinen der britischen Luftwaffe dürfen in ihrer Area 5 im Tiefstflug bis auf 75 Meter Höhe über die Heide jagen.

Nun drohen schwere Umweltschäden, obwohl rund 40 Prozent des Übungsgebietes zum Naturschutzpark Lüneburger Heide gehören. Die Bestimmungen der Deutschen gelten nicht für die Soldaten des Vereinigten Königreiches. Denn am 3. August 1959 unterzeichnete die Bundesregierung ein Zusatzabkommen zum Nato-Truppenstatut, in dem die neue westdeutsche Regierung auch den britischen Besetzern die Übungsrechte garantierte. In Kraft ist das Gesetz seit 1963.

Red Area steht auf dem Straßenschild vor dem Wald bei Schneeverdingen. Die Straße ist nicht abgesperrt, sie führt durch eine der Zonen, in der Panzer pausenlos rollen dürfen. Beide Fahrbahnen haben tiefe Schlaglöcher. An einigen Stellen ist die Erde von Panzerketten durchpflügt, eine schwarze Wüste. "Wanderer, Radfahrer und Skiläufer dürfen die Wege nicht verlassen. Hunde sind an der Leine zu führen", rät der Verein Naturschutzpark.