Während seiner Jugend und seiner frühen Erwachsenenjahre, das wissen wir inzwischen, sahen weder seine Familie noch enge Freunde irgendwelche Anzeichen, daß Dan Quayle politische Ambitionen hegte. Halt! Falsch! Jetzt hat Frank Pope, ein ehemaliger Kommilitone des angehenden amerikanischen Vize-Präsidenten, geplaudert. Er, Pope, will gemeinsam mit Quayle in einer (billigeren) Nachmittagsvorführung den Film The Candidate gesehen haben. Darin spielt Robert Redford einen unverdorbenen Wohltäter, der von einem gewieften Politmanager zum Senator gemacht wird. Die ausschlaggebenden Argumente des Managers zum zögernden Redford: "Du bist glaubwürdig, du hast einen Namen." Worauf Redfords Frau verstärkt: "Er sieht gut aus, und er hat die Macht." Die Parallelen zu Quayle, dem unerfahrenen Sprößling der mächtigen Verlegerfamilie, der vom Wahlkampf-Profi Stuart Spenar in wenigen Tagen zum Kandidaten getrimmt wurde, sind nicht zu übersehen.

Freund Frank Pope verriet, daß der Film einen unauslöschlichen Eindruck auf Quayle gemacht habe. Elf Stunden hätten sie nach der Aufführung zusammengesessen und The Candidate analysiert. Die Botschaft des Films: Was der Kandidat sagt, ist bedeutungslos; wie er es sagt, und wie er aussieht, das zählt. Das habe auch Quayle sofort verstanden. Nur in einem sei er nicht ganz seines Freundes Meinung gewesen. Er glaube, soll Quayle bei Steak und Scotch gesagt haben, daß er eigentlich noch besser aussehe als der Schauspieler.

Nun, er hat gewonnen. Aber nicht alle Amerikaner sind überzeugt, daß ein hübsches Gesicht und gut geföhnte Haare ausreichen, das Präsidentenamt zu füllen, von dem Robert, pardon, Dan Quayle bald nur noch einen Herzschlag entfernt sein wird. Im Gegenteil. Manche fürchten den unbedarften Sonnyboy aus Indiana so sehr, daß sie auf die herablassenden Frotzeleien von früher jetzt zynische Witze folgen lassen.

John Kerny zum Beispiel, der demokratische Senator von Massachusetts. Als dieser nach seiner Meinung über Quayle gefragt wurde, antwortete er mit der neusten Sottise: "Neulich hat mir einer gesagt, der Secret Service habe strikte Anweisung, Quayle sofort zu erschießen, falls Bush ermordet wird." Sicher, es war geschmacklos von Kerny, sozusagen eine Art Witwenverbrennung auf politischem Niveau zu fordern. Anderntags maunzte der Senator, er habe nur unbedacht weitergegeben, was längst alle verbreiten.

Andere wollen Quayle, sagen wir einmal, eleganter um die Ecke bringen. In der New York Times behaupten die Rechtswissenschaftler David Kaplan und Gary Simon, daß die Wahlmänner, die am 16. Dezember im Electoral College zusammentreten, um Präsidenten und Vize-Präsidenten zu wählen, keineswegs gebunden sind, ihre Stimmen Quayle zu geben. Richtig: Sie könnten, wenn sie wollten, für Lloyd Bentsen oder den republikanischen Senator Robert Dole stimmen.

Es gab sogar einen Präzedenzfall. Im Jahre 1836 hielten 23 Wahlmänner den Weggefährten Martin Van Burens, einen Richard Johnson, nicht des Amtes des Vize-Präsidenten für würdig. Johnson schaffte es doch noch, weil der Senat ihn kürte. Wenn sich nämlich im Electoral College keine Mehrheit findet, dann entscheiden Abgeordnetenhaus und Senat. Daß Quayle Ähnliches widerfahren könnte, muß bezweifelt werden. Der Kongreß ist nämlich trotz des Bush-Sieges fest in demokratischer Hand.

Quayle, schrieb unlängst die Washington Post, sei gewissermaßen die "Laß-sie-doch-Kuchen-essen"-Seite um George Bush, die Marie-Antoinette also. Marie-Antoinette? Ach ja, die wurde doch auch zusammen mit ihrem armen Gatten hingerichtet. Michael Schwelien