Von Hajo Steinert

Am 25. Juni dieses Jahres gab es in Jena eine dieser inoffiziellen, gerade deshalb so schillernden Hinterhaus-Vernissagen. Sie wurde von der Polizei genehmigt, nicht aber von der Kulturrätin. Gezeigt wurden kubistische und popartige Plastiken von Eva Anderson; es las der Leipziger Schriftsteller Bernd Igel; es musizierte Andreas Hegewald; Detlev Schweiger aus Dresden steuerte einige Bilder bei. Am 15. Juli folgte die Aufforderung der Rätin, die Ausstellung abzubauen. Keine Reaktion. Da tat sie es eben selbst. Besser gesagt: sie beauftragte die Kollegen der "Gebäudewirtschaft Jena", Eva Andersons Plastiken auf die Müllhalde zu werfen. In den Zeitungen der DDR gab es darüber nichts zu lesen.

Nach dieser Zensur-Aktion am 27. Juli verfaßten Schriftsteller und andere Kulturschaffende der Republik sogenannte "Mißfallenserklärungen". Und siehe da: Das Kulturministerium reagierte seinerseits, und zwar "aufgeschlossen und anständig", wie ein Briefschreiber, der Schriftsteller Adolf Endler, ohne alle Ironie mitteilt. Vor wenigen Jahren noch hätte man solche Erklärungen nicht beantwortet, ganz zu schweigen von einer weitergehenden Reaktion. In Jena jedenfalls dürfen inoffizielle Kunstausstellungen weiter stattfinden. Und die Szene hat derzeit allen Grund, die Entfernung der Rätin aus ihrem Amt zu erwarten. Das in der Vergangenheit nicht ungetrübte Verhältnis vieler Künstler und Schriftsteller in der DDR zu ihrem Ministerium für Kultur hat sich, zumindest in dieser Sache, durchaus aufgehellt.

Anderswo allerdings geschieht das Gegenteil: In Ost-Berlin, wo eine "Woche des Sowjetischen Films" stattfindet, wurden drei sowjetische Filme vom Programm abgesetzt, darunter Alexander Askoldows Film "Die Kommissarin". Und leider gibt es in der DDR auch ein Ministerium für Post- und Fernmeldewesen. Seine Aufgaben beschränken sich nicht etwa auf den Transport von Briefen, Päckchen und Telephonbüchern, es besitzt auch das Monopol für den Vertrieb von Zeitschriften. Am vergangenen Wochenende sorgte das sonst so unauffällige Ministerium für einen regelrechten Sputnik-Schock in der DDR. Zum ersten Mal wurde eine Zeitschrift aus der Sowjetunion verboten.

In dem Monatsblatt Sputnik werden in deutscher Übersetzung Beiträge aus der sowjetischen Presse abgedruckt. Das Neue Deutschland brachte die Begründung für den Auslieferungsstopp: Die Zeitschrift bringe "keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft" diene, statt dessen "verzerrende Beiträge zur Geschichte".

Tatsächlich bringt die Zeitschrift Artikel, die sich selbstkritisch mit dem Stalinismus beschäftigen, im Oktoberheft etwa mit dem Hitler-Stalin-Pakt. Das darf in der DDR keine Nachahmer finden. Warum ein Tapetenwechsel, befand schon Kurt Hager, wenn in der Sowjetunion tapeziert wird. Fragt sich nur, warum Sinn und Form im Mai unter dem Titel "Selbstzensur" Johannes R. Bechers Abrechnung mit dem Stalinismus druckte. Und zeigt nicht das Beispiel von Jena, wie anfällig man noch immer für stalinistische Formen der Auseinandersetzung ist?

Gewiß, wir waren vorgewarnt. Bereits Anfang dieses Jahres war ein Fall von Zensur beim Import sowjetischer Zeitschriften bekannt geworden. Es handelte sich um drei Nummern der deutschsprachigen Ausgabe der Moskauer Zeitschrift Neue Zeit. Die Befürchtung liegt nahe, daß diese beiden Zensurfälle Schule machen. In der Illustrierten Sowjetfrau, die in fünfzehn Sprachen übersetzt wird, findet die Leserin in der DDR neben Moskauer Modetips, Rezepten; Folklore, Eheberatung und anderen selbstverständlichen Teilen einer Frauenzeitschrift auch Artikel wie "Perestrojka und Schule". Und selbst die gesellschaftspolitische Monatszeitschrift Sowjetunion, die in 21 Sprachen zirkuliert und einmal wie die Sowjetfrau nur Ladenhüter war, erfreut sich seit Glasnost einer ungeahnten Nachfrage.