Von Benjamin Henrichs

Ein Anfang, ein Untergang. Jürgen Gosch, neuer künstlerischer Leiter der Berliner Schaubühne (Nachfolger also von Peter Stein und Luc Bondy) inszenierte Shakespeares Tragödie "Macbeth". Die Aufführung begann mit Hexengeflüster um halb acht und endete mit Fanfarengeschmetter Schlag Mitternacht. Das Publikum nahm das Schauspiel beinahe regungslos entgegen. Etliche der tausend Augen im Zuschauerraum fielen während des langen Abends sachte zu – und das bei einem Drama, zu dessen großen Themen (neben dem Machtrausch und der Mordgier) die Schlaflosigkeit gehört. Sogar der berüchtigte Berliner Mutterwitz (der sich gern in den beliebten Berliner Zwischenrufen zu Wort meldet) schien diesmal wie narkotisiert.

Entweder ist die Aufführung durchgefallen oder das Publikum. Als alles vorbei war, gab es den kürzesten, schüttersten Beifall der Schaubühnen-Geschichte. Einigen zaghaften Buhrufern blieb der Schrei im Halse stecken. Dann eilten die Zuschauer still und betrübt von dannen. Erst draußen vor der Tür, in der kalten Nachtluft, wagten einige, was sie im Theater niemals gewagt hätten – sie lachten. Da hatte der neue Tag schon begonnen.

*

Jürgen Gosch und sein Bühnenbildner Gero Troike haben das vielfältig wandelbare Gehäuse der Schaubühne zu einer Art Riesenbunker (oder auch: zu einer kahlen Kathedrale) umgebaut. Sie haben leergeräumt. Schauplatz des Dramas ist das öde Bühnenrund vor der gewaltigen Halbkreismauer, der steinernen Apsis, welche die Schaubühne zum Kurfürstendamm hin abschließt.

Hier zelebrierte einst Klaus Michael Grüber seinen feierlich-kargen "Hamlet". Hier läßt nun Gösch aus drei geometrisch plazierten Mauerlö chern die Hexen auftreten. Drei blasse Frauen in grauen Kriegs- oder Nachkriegsmänteln, barfuß schleichend, leise wispernd. Ihnen folgen alsbald die schottischen Krieger und ihr König, wundersam kostümiert. Schultern und Arme der Männer sind nackt, ihre Tuchgewänder (staubgrau bis blaßbunt) reichen hoch bis an die Achseln, lange wallen die Haare, und die Bärte fallen fast bis zum Nabel.

Die Bärte sind unübersehbar Theater-Bärte, die Schwerter Theater-Schwerter, die güldene Krone des alten Königs Duncan ist eine billige Theater-Krone. Später wird der Geist des braven Banquo auf Kothurnen einherschreiten – und die Fackeln, die die Nacht erleuchten, sind Theater-Fackeln, aus Pappe geschnitzt oder aus Schaumstoff gepreßt, feuerrot bemalt, in wildem Gezüngel erstarrt.