Von Roland Bischoff

Annähernd 4000 Kilometer und 4000 Jahre liegen zwischen ihnen, und doch haben die ägyptischen Pyramiden und die norwegische Stadt Röros eine Gemeinsamkeit: Beide stehen auf der "World Heritage List", der Unesco-Liste erhaltenswerter Kulturdenkmäler. Allerdings sind die Pyramiden weltberühmt, das malerische Röros lassen selbst Norwegenliebhaber links liegen, wenn sie im Campingbus auf der E 6 die 2230 Kilometer von Oslo zum Nordkap herunterspülen. Dabei lohnt sich ein Abstecher ins Hochgebirge an der schwedischen Grenze. Denn ein Rundgang durch Röros ist mehr als nur ein Stadtspaziergang, er gerät zur Wanderung durch ein Stück skandinavischer Geschichte, hin zum historischen und geographischen Mittelpunkt des Ortes, dem Malmplatz mit der Schmelzhütte. Hier schlug bis vor einigen Jahren das Herz der einst vom Kupferbergbau lebenden Kommune. Dann zerstörten zwei Großbrände die Schmelzhütte, die Kupferfabrik meldete Konkurs an.

Inzwischen wurde die Schmelzhütte am Malmplassen wieder aufgebaut – ganz so, wie sie vor der Jahrhundertwende ausgesehen hat. Seitdem beherbergt sie ein Museum, das die Bevölkerung von Röros mit einem großen Fest eingeweiht hat. Daß auch die königliche Familie mit dabei war, versteht sich im demokratischen Norwegen von selbst.

Mitgewirkt am Aufbau des Bergbaumuseums, dem neuen Wahrzeichen der Stadt, haben viele, einer jedoch ganz besonders: der Konservator Sverre Ödegaard. Geboren und aufgewachsen in der "Mörkstugata", gleich neben dem Malmplassen, verkörpert er das Geschichtsbewußtsein der ganzen Gemeinde. Während der langjährigen Planungsphase für das "Smelthytta-Museumssenter" war Ödegaard die treibende Kraft. Er baute naturgetreue und funktionierende Modelle der früheren Gruben- und Verhüttungsanlagen. Im Maßstab 1:10 erlebt der Museumsbesucher heute den früheren Alltag der Berggesellen, dargestellt durch 250 Puppen in Originaltracht.

Auf der anderen Seite des Malmplassen, nur wenige Schritte von der Schmelzhütte entfernt, deutet das Bronzestandbild eines Rentieres auf den Ursprung des Kupferbergbaus hin. 1644, ist da zu lesen, schoß der Bergbauer Hans Aasen auf der Jagd einen Renbock. Im Todeskampf schlug das Tier ein glänzendes Stück Stein los: Die erste Kupferader war entdeckt. Aasen brachte den Erzbrocken zum Bergexperten Lorentz Lossius, und schon zwei Jahre später wurde am heutigen Malmplatz die erste Schmelzhütte gebaut. Von da an ging es bergauf mit Röros.

Ihren Aufstieg verdankt die Stadt vor allem Christian IV. Der dänisch-norwegische König, der auch Christiania, das heutige Oslo, gründete, führte zahlreiche Kriege. Das Geld dafür mußten ihm die Kupfergruben von Röros liefern. Trotz des Tributs an Kopenhagen wurde aus ursprünglich drei kleinen Gehöften im Rödhammergebirge eine blühende Stadt, deren Reichtum sich einzig und allein auf das Kupfererz gründete. Zu dessen Gewinnung holte man im 17. und 18. Jahrhundert Experten aus den Grubengebieten Deutschlands. An sie erinnern noch heute Familiennamen wie Engzelius, Prytz und Prösch.

Bis 1953 wurde drei Jahrhunderte lang im Malmplatz Kupfer aus dem Erz geschmolzen. Dann zerstörte ein Großbrand die Schmelzhütte nahezu vollständig, 1977 machte die Kupferfabrik endgültig Pleite. Eine Epoche norwegischer Industriegeschichte war beendet. "Als Röros Kobberverk Konkurs machte", beschreibt Bürgermeister Arne Kokkvoll die damalige Stimmung in der Stadt, "dachten die Einwohner nicht nur an das ökonomische Defizit. Die Gefühle gingen tiefer. Viele dachten an Vater, Großvater und Urgroßvater, die unter Tage gearbeitet hatten."