Die Verachtung der Technik ist unter Kritikern und Intellektuellen verbreitet, aber manchmal empfiehlt es sich, scheinbar banalen Dingen Aufmerksamkeit zu schenken. HDTV ist das eine Beispiel, und es hat nichts mit diesem Virus zu tun, sondern heißt "High Definition Television", und das bedeutet eine drastisch verbesserte Bildqualität bei gleichzeitig größeren und flacheren Bildschirmen. Die zweite Banalität besteht darin, daß eine Firma namens Videac ab 1. Januar nächsten Jahres wirkliche Videokinos einrichten wird, deren Programme von einer Zentrale in Paris über Satellit ausgestrahlt und in jedem Dorfkino empfangen werden können.

Immer noch stammen die größten künstlerischen Filmereignisse von jenen Regisseuren, die auf altertümliche Weise mit Zelluloid arbeiten und deren Ziel das alte Kino und sein schwindendes Publikum ist. Aber immer häufiger sind diese Filme nur noch mit Hilfe des Fernsehens finanzierbar. Und immer näher rückt der Zeitpunkt, da die Regisseure vom Fernsehen nicht nur das Geld, sondern auch die Technik und damit die Ästhetik nehmen müssen.

Die Technik hat Folgen. Vergleiche hinken, aber wenn die Filmregisseure zur Videotechnik verurteilt würden, dann wäre das etwa so, als ob Komponisten nicht mehr herkömmliche Partituren schreiben, nicht mehr mit traditionellen Orchestern und Konzertsälen rechnen dürften, sondern mit dem Computer komponieren müßten, dessen Musik nur noch im Studio stattfinden kann.

Natürlich ist der Computer genauer, und eine vom Synthesizer simulierte Geige spielt verläßlicher (und billiger) als ein Mensch. Auch die Videotechnik bietet große Vorteile. Man kann längere Zeit drehen, benötigt weniger Licht, man sieht sofort das Ergebnis der Arbeit. Der klassische Regisseur hingegen muß mit dem teuren Filmmaterial haushalten (während das Videoband beliebig gelöscht und belichtet werden kann), und er wartet Tage, bis das Kopierwerk die Szene entwickelt hat, die vielleicht technisch mißglückt und deren Wiederholung nicht möglich ist.

Der eigentliche Vorteil, den die alte Filmtechnik besaß, war die unerreichte Brillanz der Bilder. An die wird HDTV vermutlich nie herankommen. Aber wir Zuschauer werden den großen Kino-Erlebnissen der Zelluloid-Epoche unmerklich und nachhaltig entwöhnt. Wer die gewaltigen Filmpaläste mit ihren großen Leinwänden nicht mehr kennt, wer nur noch in den Schuhkartonkinos schlecht projizierte Durchschnittsware erlebt, für den ist der Verlust, der durch Videotechnik und Videokinos kommt, nicht mehr allzu groß.

Immer weniger Kinos sind dafür ausgerüstet, 70mm-Filme zu zeigen, und sie werden ja auch kaum noch produziert. Einer der letzten davon war Michael Ciminos großartiger Film "Heavens Gate", der aber in der Bundesrepublik vorwiegend nur als 35mm-Kopie zu sehen war. Eine simple technische Bedingung gerät in Vergessenheit: Je breiter der Filmstreifen ist, desto strahlender leuchtet das Bild auf der Leinwand, desto feiner sind die Konturen – so wie die Photos einer Plattenkamera niemals von einem Kleinbildfilm übertroffen werden können.

Die Erfahrung lehrt, daß technische Entwicklungen auf künstlerische (und also menschliche) Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen. So mag es sein, daß der Höhepunkt der vergleichsweise kurzen Geschichte der Filmkunst längst hinter uns liegt. Vielleicht war dieser Höhepunkt Stanley Kubricks 70mm-Film "2001 – Odyssee im Weltraum" (1968). Kathedralen wie die in Chartres werden nicht mehr gebaut, Opern wie die von Verdi nicht mehr komponiert.