Von Friedhelm Gröteke

Eine mutige Entscheidung", lobte der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, Achille Occhetto, als ihm gemeldet wurde, daß sein Kollege vom mächtigen kommunistischen Gewerkschaftsbund CGIL, Generalsekretär Antonio Pizzinato, seinen Posten zur Verfügung gestellt habe.

Pizzinato ist der erste kommunistische Gewerkschaftsführer in der Geschichte der KPI, der zurücktritt, und noch dazu freiwillig. Der immer härtere Konflikt zwischen Reformern und Konservativen innerhalb der Gewerkschaft hat ihn zu diesem Schritt getrieben. Bis vor kurzem hätte die Partei nie zugelassen, daß nach außen etwas anderes als Geschlossenheit, Einheit und Sicherheit demonstriert würde.

Zum Eklat kam es, weil sich der kommunistisch dirigierte Gewerkschaftsverband bereits seit zwei Jahren nicht mehr zu Aktionen aufraffen kann. Die roten Gewerkschaftsführer debattierten statt dessen über Grundsatzfragen und konnten sich zwischen ideologischer Klassenkampfpose und der Übernahme einer sachbezogenen Rolle als Vertreter materieller Interessen nicht entscheiden. Kurzum, die internen Auseinandersetzungen, die derzeit Italiens Kommunistische Partei erschüttern, und der Machtverlust, den die größte KP einer westlichen Industrienation in den vergangenen Jahren hinnehmen mußte, spiegeln sich auch in ihrer Gewerkschaft wider.

Zwar haben auch die beiden anderen italienischen Gewerkschaftsverbände Probleme, ähnlich wie derzeit alle traditionellen Arbeitnehmervertretungen Europas. Neue Formen der Arbeitsorganisation, der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, der Einzug der Computertechnik in Büro und Fabrik, das alles löst Veränderungen aus, auf welche sich die Gewerkschaften bisher nicht so recht einstellen können. Während jedoch die dogmatisch weniger festgelegten Konkurrenzorganisationen der CGIL, nämlich die christdemokratische CISL und die kleine, überwiegend sozialistisch orientierte UIL, entsprechend pragmatischer und elastischer auf die neuen Anforderungen reagieren, ist die Tatkraft der kommunistisch gelenkten Gewerkschaft erlahmt.

Und wenn in jüngster Zeit doch etwas geschah, war es widersprüchlich. So lehnte die CGIL zunächst die spontanen Arbeitnehmergruppen der Cobas (Comitati di Base), Aktionskomitees, die den etablierten Gewerkschaften das Leben schwermachen, bei den Tarifkämpfen im öffentlichen Dienst ab. Dann aber erhob sie deren Maximalforderungen zu ihren eigenen. Und als der Autokonzern Fiat den Arbeitnehmern in diesem Sommer eine Gewinnbeteiligung anbot, griffen die Bruderverbände CISL und UIL zu, die CGIL dagegen wies das Angebot entrüstet zurück und weigerte sich, den Pakt zu unterschreiben. Die Erneuerer in der CGIL, die den Klassenkampf längst ad acta gelegt haben, bedauerten im nachhinein die schroffe Ablehnung durch ihre Organisation.

Generalsekretär Antonio Pizzinato, ein wackerer lombardischer Arbeiter-Haudegen aus der Mailänder Vorstadt, vermittelte nach Kräften zwischen den Fronten seines Verbandes, die sich zwischen Jung und Alt, Stalinisten und Gorbatschow-Anhängern, Taktikern und Strategen aufgetan haben. Aber das Handgemenge wuchs ihm über den Kopf, zumal er – im Gegensatz zu seinem berühmten Vorgänger Luciano Lama – keine Führernatur ist. Von allen Seiten wurde Kritik an seiner Person laut.