Von Margrit Gerste

Warum, verdammt noch mal, konnte Rita Süssmuth dem Kanzler nicht nein sagen? Warum hat sie sich eines Amtes begeben, in dem sie für Frauen, linke, liberale, konservative, so wichtig war wie keine Ministerin vorher, wie es wohl auch keine nach ihr sein kann? Und hat sie nicht stets in Wort und Tat, noch unter den feindseligsten und äußerst verletzenden Bedingungen, glaubhaft bekundet, wem sie politisch dienen will?

Und nun dies. Der Wechsel ins politisch bedeutungslose Amt der Parlamentspräsidentin. Die Feministinnen, die grünen Frauen, die konservativen Parteischwestern kommentieren ihn herb: Unerhört! Sie hätte lieber zurücktreten sollen. Ich sehe schwarz für die Frauenpolitik, ganz schwarz. Ein schmerzlicher Verlust, unwahrscheinlich, daß wir eine wiederkriegen, die so kämpft. Das darf doch nicht wahr sein! Ich hätte sie lieber weiterhin im Kabinett gesehen, nun ist sie an den Rand gedrängt. Ich bin traurig.

Traurig ist auch Rita Süssmuth – und purer Unsinn die Behauptung, sie verlasse erleichtert ihr. Haus. Sehr ernste Augen, ein von Schlaflosigkeit gezeichnetes Gesicht: Der Konflikt zwischen zwei Loyalitäten und ihre Entscheidung quälen sie noch, während Kohl schon bräsig-fröhlich sich ob seiner originellen Personalpolitik lobt.

Warum also konnte sie nicht nein sagen? Warum mußte ausgerechnet sie einem Kanzler aus ärgster Bedrängnis helfen, der sie doch auch gedemütigt und verächtlich gemacht hat – etwas, das ihr, wie sie vor wenigen Monaten einmal bekannte, am meisten angst mache? Der Widerspruch berührt sie Momente lang äußerst schmerzhaft. Dann sagt sie: "Nur aus Pflicht." Sie hat sich gewehrt bis zum Schluß, doch als niemand sonst sich bereit fand, wurde aus ihrem Nein ein Ja, "nur aus Pflicht". Pflicht zur parlamentarischen Demokratie und ihren Institutionen, denen eine "enorme Beschädigung" drohte. Abstrakte Phrasen der Selbsttröstung? "Der Staat ist nichts Abstraktes", belehrt sie freundlich. Aber sie gibt auch zu: "Letztlich kann ich die Frage nach dem Warum meiner Entscheidung nicht beantworten." So verdient ihre Schwäche, ihr Nicht-nein-sagenkönnen zu etwas, das sie nicht wollte, und ihre Qual, die sie nun damit hat, auch Respekt.

Wie gnadenlos die Politik Menschen benutzt, sie erhebt, fallenläßt oder verschiebt, dafür ist die ganz außergewöhnliche Karriere der Professorin ein beredtes Beispiel. Kohl und sein Generalsekretär hatten sie ins Kabinett geholt, um junge Wählerinnen mit einer modernen, emanzipatorischen Frauenpolitik zu gewinnen. Die CDU, das hatte Geißler verstanden, darf sich der Frauenbewegung nicht länger verschließen; in Rita Süssmuth fand er jene konservative Politikerin, der man das Engagement glaubte. Schnell galt sie als kompetent und selbstbewußt, unabhängig und integer, gescheit und kämpferisch – so wurde in Bonn und anderswo über keinen Politiker geredet. Die "effektvollste Propagandistin der Frauensache seit Alice Schwarzer", ein "medienpolitisches Ereignis" und die weibliche Identifikationsfigur wurde sie irritiert genannt. Schon bald gewann sie die Sympathie und Achtung der zunächst brüskierten altgedienten CDU-Politikerinnen in Bonn; Grüne entdeckten in ihr gar eine Bundesgenossin ("sie hat die Frauenfrage einer breiten Öffentlichkeit deutlich gemacht, auch solchen Gruppen, zu denen wir gar keinen Zugang haben"); Sozialdemokraten blickten neidvoll auf eine Frau, wie ihre Partei sie selber gut brauchen könnte.

Mit dem öffentlichen Ansehen wuchsen die inneren Spannungen. Rita Süssmuth, die über der offenen Austragung von Konflikten immer den Konsens sucht und parteipolitische Polemik haßt, ist das bei weitem angesehenste Regierungsmitglied (nur von Genscher übertroffen). "Manchmal denke ich", so sagte sie kürzlich, "es wäre besser, ich käme in dieser monatlich vom ZDF und vom Spiegel veröffentlichten Sympathieskala gar nicht vor, denn mit der Beliebtheit nimmt die Zahl der Feinde enorm zu." Und dies nicht nur aus purem Neid, sondern auch weil sie christdemokratische Tabus verletzte. Zum Paragraphen 218 nimmt sie eine sehr viel differenziertere Position ein als die selbsternannten Lebensschützer ("am Ende steht die ganz persönliche Entscheidung der Frauen, nicht Paragraphen und Richterspruch"); die Pille auf Krankenschein forderte sie; zusammen mit CDU/CSU-Parlamentarierinnen, Grünen und Sozialdemokraten plädiert sie dafür – gegen die eigene Mannschaft –, Vergewaltigung in der Ehe genauso unter Strafe zu stellen wie außerhalb der Ehe; eine Feministin nennt sie sich und Simone de Beauvoir ihr Vorbild; Quoten sind nicht ausgeschlossen, und ihr Frauenbild unterscheidet sich diametral von dem der CDU-Mehrheit; der jüngste Aufschrei kam, weil sie öffentlich über eine – dringend notwendige – neue Drogenpolitik nachgedacht hat. Sie legte sich mit Bischöfen und Unternehmern an und einmal auch aufs heftigste mit Franz Josef Strauß samt seiner ganzen CSU. Der Beifall kam meist von der falschen Seite, während FAZ und Welt schäumten: Will Frauen in den Beruf drängen, ist gegen Kinder, vertritt alleinlebende Yuppies und ehrgeizige Karrieristinnen.