Augenschein in Jerusalem: Wo der innere Frieden fehlt, kann er nach außen kaum gewonnen werden

Von Dietrich Strothmann

  • • Jerusalem, im November

Über Nacht, ohne Vorwarnung, war die Temperatur gefallen. Plötzlich war der Winter da, entgegen jeder Wetterregel. In Jerusalem trugen die Menschen dicke Jacken und Pullover. Israel – ein Land, das in die Kälte kam.

Die Wahl zur Knesset, dem israelischen Parlament, hatte zum erstenmal in der Geschichte des gerade 40 Jahre alt gewordenen Staates die Religiösen, die Ultraorthodoxen, an die Macht gebracht. Ohne sie kann Likud-Chef Jitzhak Schamir, der noch amtierende Ministerpräsident der großen Koalition mit der Arbeitspartei, künftig nicht regieren. Und die Extremisten diktieren ihm die Bedingungen, vor allem eine radikale Änderung des Rückkehrgesetzes nach orthodoxen Zwangsregeln. Laokoon hat es leicht im Vergleich mit Schamir, der sich der Pressionen der Frommen und der politischen Postulate der Ultrarechten in seinem neuen Koalitionslager erwehren muß. Wie dieses dramatische Ringen ausgehen wird, ist noch völlig ungewiß. Es kann sich wochenlang hinziehen.

In diese Situation innenpolitischer Unwägbarkeiten platzte die Proklamation eines palästinensischen Staates Palästina, wie er von der überwältigenden Mehrheit der Delegierten auf dem 19. Kongreß des Palästinensischen Nationalrates in Algier beschlossen wurde. Über 30 Regierungen, Moskau darunter und Ankara, erkannten bisher entweder diesen Staat auf dem Papier an oder stimmten seiner formellen Ausrufung zu. Zurückgehalten hat sich bisher noch Washington, vorläufig zögernd begrüßten die EG-Außenminister den Beschluß von Algier. Aber der Stein ist ins Wasser geworfen und zieht unaufhaltsam seine Kreise. Es mag nur noch eine Frage der Zeit sein, bis der PLO-Chef Jassir Arafat für seinen Ölzweig auch im Westen den erwünschten Beifall erhält und zum künftigen Friedenspartner in der nahöstlichen Arena ernannt wird.

Israel wiedergesehen, doch kaum noch wiedererkannt: Nicht einmal während der existenzbedrohenden Kriege von 1967 und 1973, als es auf des Messers Schneide stand, waren Resignation und Defätismus unter den Israelis so weit verbreitet wie heute, nach der unglücklichen Parlamentswahl und dem irritierenden Signal aus Algier. Was wird aus uns, fragen sich viele. Wohin treibt unser Land? Welche Zukunft haben wir?