Von Michael Cahn

Samstag früh, acht Uhr. In Amerika beginnt wie jede Woche der große Verkauf des Unverkäuflichen. An den größeren Kreuzungen der Vorstädte sind neue Schilder aufgehängt worden. Garage Sale, Yard Sale, Moving Sale, manchmal auch Tag Sale. Oft ist es nicht einfach, den Pfeilen zu folgen, und noch schwieriger ist es, die Plakate der letzten Woche, wenn sie kein Datum tragen, von den aktuellen zu unterscheiden. Eine verkehrsintensive, spontane Wochenendökonomie blüht bis in den frühen Sonntagabend, dann trennt wieder eine unüberwindbare Barriere das Wertvolle vom Wertlosen, die Sauberkeit vom Dreck.

Das Land des Konsums und der Hygiene stellt Shopping, Einkaufszentren und Warenkultur regelmäßig in Frage. Die Verbraucher haben ein Netzwerk jenseits der offiziellen Ökonomie gespannt, in dem das Unbewußte der Konsumgesellschaft aufgefangen wird. An der Einfahrt zur Garage oder in der Garage selbst, in Vorgärten oder auf Parkplätzen wird der Müll als Ware dargestellt. Alte Kleider, alte Geräte, Krimskrams und Gelärsch, alles, was den Umzug der Familie zum nächsten Wohnort nicht mitmachen soll, steht zum Verkauf. Ausgemistete Speicher, Langeweile und die Sucht nach dem magischen Moment, in dem Abfall relativ wird – das sind die Motive dieser Bewegung.

Die Autos, die den Schildern folgen, repräsentieren die Bevölkerung. Es sind nicht nur die alten Straßenkreuzer der Armen, nicht nur die Kleinlaster der Rentner, sondern auch die Importwagen der Leute ohne Geldsorgen. Auch unsere Vermieter, Besitzer von einigen Häusern und einer Schule, machen sich samstags auf den Weg, um das Vielversprechende vom Ausgesuchten zu unterscheiden. Andy Warhol und Liberace, der süßlichglitzernde Fernsehpianist, sind (waren) vielleicht die prominentesten Opfer dieser Leidenschaft. Nach ihrem Tod wurde versteigert, was sie zusammengetragen hatten: der Kreislauf des Mülls wurde geschlossen.

Der amerikanische Mythos des zum Millionär aufgestiegenen Tellerwäschers verliert seinen einstigen Glanz durch den neuen Mythos des Finders. Der Einfall, der glückliche Zufall wird anerkannt im Kult des Findens, der die Welt dieser Wochenendverkäufe beherrscht. Dies ist kein Mythos des Fortschritts mehr, sondern einer des Chaos und der Unvorhersehbarkeit. Garage sale ist wie Lotto, nur daß außer Benzinkosten und Zeit nichts verloren werden kann. Die einzige Voraussetzung: früh aufstehen, um als erster im Müll zu wühlen.

Aber Müll ist vielleicht gar nicht der richtige Ausdruck. Es geht um collectibles, Objekte, die keiner spezifischen Forderung genügen müssen, es sei denn, eine Serie zu vervollständigen. Der Silberlöffel, Fadensilber, den der Autor fand, ist gerade deshalb kein gutes Beispiel für dieses Sammeln, weil er schon an sich wertvoll ist. Repräsentativer ist der Freund, der Frösche sammelt. Oder Eulen oder Enten, altes Porzellan, alte Reklametafeln, alten Modeschmuck ohne Rost.

Irgendwo in Texas sitzt jemand, der alte Eisenbahnholzschwellenschneider sammelt. Diese Geräte, einer Guillotine ähnlich, versammelt er auf dem Hinterhof seiner Ranch. Der Sohn ist verzweifelt. Er versteht die Sucht seines Vaters nicht. Brandneue Autos werden in collectors editions angeboten, Haushaltsgeräte werden als Gegenstand der Sammelleidenschaft vorgeschlagen, Porzellanpuppen von Fernsehhelden und Vollkitschschmetterlinge. Lebensmittel verlieren durch Sammelpunkte auf der Verpackung noch mehr von ihrer Realität.