Die Patientin sitzt mit zufriedenem Gesicht im Wartezimmer. Heute hat sie ihren letzten Termin. Noch vor dem 1. Januar ist ihr Gebiß fertig geworden. Die alten Amalgamplomben, die schon in ihre Löcher gesunken waren, sind alle herausgebohrt. Der Rest vom Zahn wurde fein säuberlich in Form geschliffen und mit Gold gekrönt. 1600 Mark wird die Patientin ihrer Kasse dazuzahlen müssen.

Nach dem 1. Januar, wenn die Gesundheitsreform in Kraft ist, würde sich die Münchnerin das nicht mehr leisten können. Weil Zahnersatz dann das Doppelte kostet, hat im Herbst ein Sturm auf die Zahnarztpraxen begonnen.

Die Schleifmaschinen laufen heiß, Termine sind kaum mehr zu kriegen. Für die Ärzte rollt der Rubel, die Helferinnen machen Überstunden, und in den Labors wird im Akkord gearbeitet. Dank Blüm geht das Zahngold weg wie nie.

"Die Abrechnungssumme im Zahnersatz hat sich bis September um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht", meldet der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns, Erich Müller. Er stellt "einen spürbaren Druck" auch in seiner eigenen Praxis fest.

Können sich die Ärzte mit einem schönen neuen Auto über Streß hinwegtrösten, bleibt den Helferinnen nur die Überlastung. "Mir steht’s bis hier. Für den Chef mag’s gut laufen, aber für uns kommt nichts Größeres dabei raus", schimpft die Zahnarzthelferin Beate Seidl. Sie arbeitet wöchentlich vier Stunden mehr als sonst. Zur Buchhaltung kommt sie nur noch Samstags.

Die Zahnärztin Beatrix Vorderwülbecke findet, der Praxisalltag sei "weniger erfreulich" geworden. Patienten, die jahrelang einen großen Bogen um die Praxis machten, können nun die Brücken und Prothesen gar nicht schnell genug haben. Von vorbereitender Paradonthosebehandlung wollen sie nichts wissen – man will ja nicht die Frist überschreiten. Die Münchner AOK hat ihre Mitglieder schon daran erinnert, daß die versprochene Leistung nur bis zum Stichtag gewährt wird.

Die Zahnärzte werden nach diesem Termin nicht verhungern. "Auch wenn ein Loch entsteht", sagt Anti-Funktionär Müller, "es gibt noch vieles andere zu tun." Schlechter dran sind die Zahntechniker, die vom Zahnersatz leben. "Da kann es zu Entlassungen kommen", glaubt Müller und nennt dies "Abbau von Überkapazitäten".