Trauer & Scham & Co.

Das Schopenhauer-Jahr geht zu Ende, die Briefmarken mit dem Porträt des Philosophen und Sprachgroßmeisters sind an den Postschaltern nicht mehr zu haben, und "Die Welt als Wille und Vorstellung" liegt zwar noch unter der Leselampe, aber im Bücherstapel ganz unten. So geht’s, vor die Lektüre schieben sich ständig diese erregenden Neuigkeiten aus Bonn, die unsere ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Obgleich das Neue meistens irgendwie ziemlich alt aussieht – weil auf alles, was geschieht, mit immer denselben Wörtern und Begriffen reagiert wird, die Reaktion sich sprachlich abgegriffen gibt.

Die Streitkultur in Bonn, eine Unterabteilung der ebenfalls stark in Rede stehenden politischen Kultur, hat sich im rhetorischen Aufwind heißer Luft über unserer Parteienlandschaft sprachlich verblasen. Fällt ein reizendes Wort, schon fällt als Antwort das passende Gegenwort aus der Klappe. Ist die Reizung stark, gar menschenverachtend, kommt die Reaktion als Wortpaar herausgepurzelt. Zur Auswahl stehen unter anderen Zorn & Trauer oder Abscheu & Empörung, je nachdem eben, ob die Reizung ganz und gar unerträglich war oder nur ekelerregend (ein Wort mit Zukunft, wenn der Sprachkünstler Friedhelm Ost zuverlässig bleibt). Jeder Parteisoldat kann sich als Streitkulturträger, der er als politischer Leistungsträger ist, der kargen Auswahl bedienen.

In manchen Fällen aber zuckt der trainierte Zeitgenosse bei solcher sprachlichen Klappenautomatik zusammen. Etwa, wenn ein Wortpaar verstümmelt auftaucht, wie bei der Trauerarbeit (ach, armer Alexander Mitscherlich!): Da entläßt die Klappe regelmäßig nur die rundgeschliffene Scham, aber die dazugehörige Schande bleibt im Kasten. Woran liegt das? Es liegt an der Programmierung des Rhetorik-Automaten. Es gibt keinen Handlungsbedarf für seine Erweiterung. Der Vorrat an Gemeinsamkeiten in der politischen Rhetorik reicht aus, um Politik zu verkaufen und im Notfall für Schadensbegrenzung zu sorgen.

Nun doch noch mal den Schopenhauer aus dem Bücherstapel gezogen, den Staub von der "Welt als Wille und Vorstellung" gepustet und geschmökert: "Beredsamkeit ist die Fähigkeit, unsere Ansicht einer Sache, oder unsere Gesinnung hinsichtlich derselben, auch in Andern zu erregen, unser Gefühl darüber in ihnen zu entzünden und sie so in Sympathie mit uns zu versetzen..." Aber lesen Sie doch selber weiter: B.W.