Von Christoph Bertram

Paris, im November

Der hohe Beamte macht aus seinem Entsetzen keinen Hehl: "Vorsicht! Stellen Sie die Kaffeetasse nicht auf die Dokumente, sie könnten Flecken bekommen." Dokumente, das sind die in schlichter Eleganz broschierten jüngsten Reden von François Mitterrand, Präsident der Französischen Republik – die eine gehalten vor der UN-Vollversammlung in New York Ende September, die andere Mitte Oktober vor dem "Hohen Institut für Internationale Verteidigungsfragen" in Paris. Beide bieten sie, zusammen mit jenem "Brief an die Franzosen", den der Präsident im Frühjahr zum Wahlkampf schrieb, die Grundlage französischer Außenpolitik in Mitterrands zweiter Amtsperiode, die Basis auch der sich allmählich deutlicher abzeichnenden französischen Ostpolitik.

"Das ist", spottet ein geistreicher Beobachter der Pariser Politik, "wie das Alte und das Neue Testament." Und in der Tat haftet dem Präsidialstil der französischen Außenpolitik etwas Zeremoniell-Feierliches, fast Religiöses an – kein Wunder, wenn hohe Beamte die hehren Texte vor Kaffeeflecken beschützen wollen.

Mitterrand empfängt von engen Mitarbeitern Memoranden, dann verkündet er, wohin die Reise gehen soll. Und nun hat er verkündet, daß Frankreich künftig stärker für die Abrüstung eintritt und seine Ostpolitik aktivieren will. Ende dieser Woche trifft er mit Michail Gorbatschow zusammen; ein französischer Astronaut soll vom sowjetischen Raumfahrtzentrum Baikonur starten, ein Arbeitsbesuch in Moskau schließt sich an. Im Dezember fährt Mitterrand nach Prag, im Januar nach Sofia.

Im "Neuen Testament", der Oktober-Rede vor den Verteidigungsfachleuten, heißt es: "Wir stehen zu unseren Verbündeten, aber wir haben nichtsdestoweniger eine Geschichte und deshalb eine Politik und deshalb eine Diplomatie, die uns eigen sind." Wie allerdings diese Politik aussehen soll, darüber rätseln nicht nur die Höflinge in Paris. Denn so gradlinig, wie die großen Worte es versprechen, verläuft die Politik von François Mitterrand zur Zeit noch nicht.

Beispiel atomare Abrüstung: Mitterrand hat sich zwar im März auf dem Nato-Gipfel in Brüssel gegen die rasche Einführung neuer Atomwaffen in Europa, vor allem in der Bundesrepublik verwahrt. Aber richtig dagegen sein mag er auch nicht. Frankreich, so heißt es, wird sich in diese Kontroverse nicht hineinziehen lassen. Und wenn auch manchmal anklingt, der Präsident wolle die Einführung neuer Atomwaffen um zwei bis drei Jahre verschieben, um so die Sowjets zu Entgegenkommen bei. der konventionellen Abrüstung zu ermuntern, so weisen doch enge Berater eine solche formelle Verknüpfung weit von sich. Das gilt auch für die französische Eigenentwicklung, die Kurzstreckenrakete Hades, die nun doch Anfang der neunziger Jahre, wiewohl möglicherweise in verringerter Stückzahl, eingeführt werden soll.