Ist das die Abkehr vom Vorrang westeuropäischer Integration? Offiziell wird das energisch bestritten. Für Mitterrand ist die Europäische Gemeinschaft noch immer die "erste Etage des gemeinsamen europäischen Hauses". Aber Frankreich ist – wie manches andere Land der Gemeinschaft – an einem Punkt angelangt, wo jeder weitere Schritt hin zur vollen westeuropäischen Integration liebgewordene Ideologien und innenpolitische Besitzstände immer schmerzlicher bedroht. Da ist es eben einfacher, den politischen Stillstand in Europa den Briten oder den Bundesdeutschen anzulasten, die unangenehmen Entscheidungen aufzuschieben und statt dessen auf dem ostpolitischen Parkett zu posieren. Für alles, heißt es philosophisch, gebe es in der Politik den richtigen Zeitpunkt.

Hier knüpft auch die zaghafte Pariser Kritik an Mitterrand an: Frankreich lasse sich treiben, anstatt Initiativen zur Festigung Westeuropas zu ergreifen. Aber die geheime Verführung der neuen französischen Ostpolitik liegt gerade darin, daß sie große Gesten erlaubt – jene schmerzlosen Symbole der Politik. Im nächsten Jahr soll der sowjetische Staatspräsident Paris einen offiziellen Gegenbesuch abstatten, rechtzeitig zum 200. Jahrestag der Großen Französischen Revolution. Kann irgend jemand François Mitterrand, dem republikanischen Monarchen, verdenken, wenn er dem Gast aus Moskau mit Pomp und Pracht demonstrieren will, was eine richtige Revolution ist?