Von Claudius Seidl

Argentinien ist ein fernes Land. Vierzehn Flugstunden, siebentausend Seemeilen, ein Ozean und der Äquator liegen zwischen den Vorstädten von Buenos Aires und den deutschen Kinos. Das ist ein langer Weg – und auf dieser Reise scheinen selbst Filme am Jet-lag zu erkranken: Die Tatsachen mischen sich mit den Träumen, die Geschichte verschwimmt zum Mythos, die Bilder bekommen Fieber, und manchem großen Zeichen raubt die Schwindsucht seine Bedeutung. Trotzdem ist Argentinien kein fremdes Land. Die Argentinier dürfen, wie wir Deutschen, ihre Vergangenheit nicht vergessen. "Die Mörder sind unter uns", sagt Fernando Solanas.

An einem grauen Nachmittag wurde Herr E. verhaftet. Er wußte nicht, was sein Verbrechen war, und seine Frau erfuhr nicht, wo sie ihn hingebracht hatten. Daß Herr E. die Haft überlebte, war reines Glück und purer Zufall. Daß Herr E. nicht verzweifelte, verdankte er nur seinen starken Nerven. Nachdem Herr E. fünf Jahre lang im Gefängnis gesessen hatte, war die Diktatur zu Ende, und Herr E. wurde entlassen. Als er nach Hause kam, in seine Stadt, in sein Viertel, zu seiner Familie, da war es ihm, als käme er in ein fremdes Land: Ein argentinisches Schicksal.

Fernando Solanas erzählt diese Geschichte nicht – er nähert sich ihr: neugierig, vorsichtig, behutsam. Solanas weiß, daß es auch ein diktatorisches Verhältnis zu Geschichten und Bildern gibt. Sein Film aber soll von Freiheit handeln: Das prägt den Erzählstil.

Als die Generäle putschten, mußte Fernando Solanas sein Land verlassen. Er ging nach Frankreich, und als er zurückkommen durfte, da hatte die Junta längst ihren Bankrott erklärt. Das ist das Dilemma aller politischen Filmemacher: Die Revolutionen beginnen nicht in den Kinos, die Diktatoren stürzen nicht über Bilder. Kurzum: Filme kommen meist zu spät. Deutsche Filmemacher ziehen daraus stets die gleiche Konsequenz: Sie betreiben Vergangenheitsbewältigung. In Argentinien, wo man Spanisch spricht und den Tango singt, reagieren auch die Regisseure anders: mit Nostalgie und Melancholie.

Der Tag geht, Floreal Echegoyen kommt nach Hause. Fünf Jahre lang war das Zuchthaus seine Wirklichkeit: Das ist der Grund, warum Floreal sich nur noch in seinen Träumen heimisch fühlt. Es ist dunkel in der Vorstadt, und diese Düsternis stammt nicht vom Schwarz der Nacht allein. Die Schatten der Vergangenheit liegen auf den Bildern, der Geist der Unterdrückung weht noch um die Häuser, und die Gespenster der Angst lauern in allen Ecken.

Floreal aber, der doch eigentlich nur nach Hause wollte, träumt in dieser Nacht, durch Vorstadtstraßen getrieben, von der Angst und von der Sehnsucht, den Traum seines Lebens. Er begegnet Freunden, die längst tot sind. Er schaut zurück in seine eigene Vergangenheit. Er hört und sieht, wie ein imaginäres Orchester herzzerreißend traurige Tangos spielt. Weiße Nebel wallen übers Pflaster, Irrlichter flackern in den Straßen, auf der Tonspur liegt bittersüße Schwermut. Wer in diesen Bildern und Tönen die Klischees erkennt, der hat zwar recht – aber nichts begriffen. In dieser Nacht findet ein Kampf statt, und dieser Kampf ist hart und wichtig: Noch hat die Diktatur die Gegenwart fest im Griff. Da gilt es, sich wenigstens die Herrschaft über die Träume und über die Erinnerungen zu sichern.