Von Monika Egler

Stuttgart

Der Mann liebt Verwirrspiele. Kaum glauben die Leute, er sei nun ins richtige Schubkästchen eingeordnet, widerlegt er das Bild, das sie sich von ihm gemacht haben. Er genehmigt eine Straße, die Weinberge und Obstwiesen zerstört. Die Grünen schreien – und müssen ihm, fast im gleichen Atemzug, widerwillig Beifall zollen, denn er senkt, gegen den geballten Widerstand der Energielobby, drastisch die Grenzwerte für den Schwefel, den Kraftwerke in die Luft blasen dürfen. Eben haben ihn die Gewerkschaften dafür gelobt, daß er den Bäckern verboten hat, des nachts ihre Brezeln zu backen – schon genehmigt er, zu ihrem Entsetzen, bei IBM in Sindelfingen die Sonntagsarbeit. Aber noch nie hat Manfred Bulling, seit elf Jahren Regierungspräsident im Regierungsbezirk Stuttgart, die Gemüter so erregt wie durch seinen jüngsten Coup: Er liebäugelt mit dem Gedanken, Autos ohne geregelten Drei-Wege-Katalysator das Fahren zu verbieten, wenn die Luftverschmutzung gesundheitsschädlich zu werden droht.

An zwanzig bis dreißig Tagen im Jahr, so schätzen die Experten, könnte es zu einem solchen Alarm à la Bulling kommen, könnte die Stickstoffkonzentration in der Luft die Gefahrengrenze erreichen. Dann will Bulling mit Hilfe eines simplen Paragraphen der Straßenverkehrsordnung die Autofahrer zwingen, ihren Wagen stehenzulassen. Empört machen sie in Leserbriefen ihrem Ärger Luft, die Umweltschützer loben Bulling über den grünen Klee, die Stuttgarter Kommunalpolitiker schreien Kompetenzüberschreitung – und Bulling sitzt in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer in Stuttgart, und um seinen Mund zuckt ein unterdrücktes Schmunzeln, wenn er von dem Wirbel erzählt, den er angerichtet hat.

Der wohl bekannteste Regierungspräsident der Republik genießt seine Macht, auch wenn er lieber von Zuständigkeit spricht. Er greift nach einem Faltblatt, in dem die Arbeit seiner Behörde beschrieben ist. Manche Daten hat er mit rotem Leuchtstift markiert – Daten, die eine Ahnung von der Machtfülle dieses Amtes vermitteln. Bullings Regierungsbezirk ist viermal größer als das Saarland, er verteilt jedes Jahr 2,5 Milliarden Mark, 16 000 Mitarbeiter sind ihm Rechenschaft schuldig, er ist der Dienstvorgesetzte der nordwürttembergischen Bürgermeister.

Fast ständig hat er Streit mit einem der selbstbewußten, von der Bevölkerung direkt gewählten Schulten, die auf das Selbstverwaltungsrecht der Kommunen pochen und ihrem Regierungspräsidenten ins Angesicht widerstehen. Aber sie ziehen meist den kürzeren. Bulling hat über die Dienststrafgerichtsbarkeit nach 1945 zum Doktor der Jurisprudenz promoviert, er hat zu einer Verwaltungsreform-Kommission gehört, die frischen Wind in die Amtsstuben von Baden-Württemberg bringen sollte, und er weiß deshalb, was er darf und nicht darf. Manchmal bietet er widerborstigen Gemeinderäten süffisant eine Nachhilfestunde über seine und über ihre Kompetenzen an. Kein Wunder, daß sie ihm nicht so recht grün sind. Nur Stuttgarts Oberbürgermeister, der ihn seit der gemeinsamen Studentenzeit in Tübingen kennt, erträgt Bullings Einmischungsversuche mit philosophischer Gelassenheit: „Der Herr Bulling ist ein gescheiter Mann. Aber er ist auch der Inhaber eines besonderen Temperaments“, seufzt Manfred Rommel höchstens mal.

Der Mann mit dem besonderen Temperament wirkt auf den ersten Blick nicht zum Fürchten. Er ist höflich, er nimmt sich Zeit, wenn er über sein Selbstverständnis als Regierungspräsident spricht. „Der Regierungspräsident ist der einzige, der auch unangenehme Dinge machen kann.“ Bulling fühlt sich als der Mann, der keine Rücksichten auf Mehrheiten nehmen muß und deshalb jene Dinge durchsetzen kann, „die der Bürger braucht, aber nicht will“. Mülldeponien und Straßen zum Beispiel gehören für ihn dazu, oder der Ausbau des Stuttgarter Flughafens. Er war auch der Mann, der die Namen jener Nudelhersteller bekanntgegeben hat, die vor drei Jahren in den Flüssigei-Skandal verwickelt waren. Dafür hat er jetzt eine Klage von Birkel am Hals, die Nudelfirma will 4,3 Millionen Mark Schadensersatz. Alle Vermutungen, er könne sich mit Birkel vergleichen, verweist er ins Reich der Spekulationen. Wenn man sieht, wie Bulling sein markantes Kinn reckt, glaubt man ihm aufs Wort, daß er sich vor keinem Streit fürchtet.