Von Ludwig Hang

Gibt es etwas Schöneres zu lesen als zärtliche Liebesbriefe? Und wenn diese Briefe überdies das Herz eines unglücklich, eines hoffnungslos Liebenden offenbaren, wenn sie das Leid eines empfindsamen, eines todtraurigen Dichters an den Tag bringen, aalt sich dann der lesende Voyeur nicht genüßlich im Wortbad des Unglücklichen?

Wenn Liebesbriefe eines Verzweifelten aber erst so tun, als seien sie gar nicht aus Verzweiflung geschrieben, wenn sie sich mal ironisch, mal verbittert oder – wie im Falle des russischen Schriftstellers Daniil Charms – mal zärtlich, mal spielerisch, mal geschäftlich geben, dann gerät der Freund amouröser Lektüre vollends aus dem Häuschen: Es tut sich ihm der Abgrund auf, den der Riß zwischen Schein und Sein freigibt, er erfährt die Paradoxie, ja Absurdität menschlicher Gefühle; nur ihm selbst, denkt er, ihm selbst könne so etwas Entsetzliches und Komisches zugleich wohl nicht passieren.

Als Daniil Charms, achtundzwanzigjährig, sich im Jahre 1933 in die Schauspielerin Klavdija Pugaceva verliebte, just in dem Augenblick, als diese von Leningrad nach Moskau fuhr, um dort ein Engagement zu suchen, blieb ihm nichts anderes übrig, als Liebesbriefe dieser dritten Art zu schreiben. Er hatte bislang Geschichten verfaßt, in denen sich ähnlich aussichtslose, häufig gar sinnwidrig scheinende Begebenheiten zutrugen wie jetzt in seinem eigenen Leben, nun also, im Moment der persönlichen Betroffenheit, schlug er als nonfiktiver Briefsteller in die gleiche Kerbe. Wie seine Geschichten sind die Briefe auf eine besondere Weise Fingerzeige auf die absurde Situation des Lebens. Es sind Hinweise, poetische Gesten durch die Blume, keine Winke mit dem Zaunpfahl.

Dazu gibt es in seinem Buch „Geschichten von Himmelskumov und anderen Persönlichkeiten“, erschienen 1983 in der Friedenauer Presse, einige Phänotypen: So zum Beispiel Tolstoi, der einer Professorengattin seinen Nachttopf hinhält und sagt: „Alle sollten hinschauen!“ So den Franzosen, der es auf allen seinen Sitzmöbeln versucht und zuletzt, bequem sitzend, sagt: „Auf dem Sofa ist es aber sicher schöner.“

Und so die Büroangestellten, die die Nase ihres Kollegen Adrian sich haben verändern sehen, von denen es heißt: „Igor Valentinovic, sagten Sie nicht, sagte Paramon Paramonovic, sich in das Gespräch einmischend, Karl Ivanovic habe zu Nikolaj Ippolitovic und zu Pantelej Ignatjevič gesagt, daß sich die Nase von Adrian Matveevic, wie Mafusail Galaktionovic bemerkt hat, ein wenig nach unten verbogen habe?“

Gleichermaßen komisch und auch irrwitzig wie in diesen Kindergeschichten für Erwachsene – deren Hirne allerdings noch nicht planiert sein dürfen – geht es in Charms’ Briefen an die Schauspielerin Klavdija zu. Doch aus dem Komischen wölbt sich die Verletzlichkeit, aus dem Irrwitz die Bitterkeit hervor, so als hätte die im artifiziellen Spiel bewußt zurückgehaltene Emotion einen äußersten Punkt der Beanspruchung erreicht und drohe zu platzen.

„Es ist angenehm, in einem Punkt wie verrückt zu sein“, heißt es von Himmelkumov, der nach einer „inneren Idee“ im Leben sucht: diese Idee selbst ist Charms’ fixe Idee, seine Liebe hinter beiläufigen, die wahren Gefühle herunterspielenden Bekundungen verstecken zu müssen. Obwohl er aus Liebe zu Klavdija „auf den Hund gekommen“, von ihr „besiegt“ worden sei, wie er an anderer Stelle gesteht, tut er zumeist so, als sei alles gar nicht so besonders ernst zu nehmen und seine Liebe wohl eher eine Laune, der Spleen des Poeten sei, der in seiner Kunst zwar die „Reinheit der Ordnung“ anstrebe, im Leben aber die chaotischen Zufälligkeiten akzeptiere.

„Was wäre geschehen, wenn Sie hiergeblieben wären?“ fragt er und antwortet: „Ich hätte mich in Sie verliebt und würde Sie, kraft meiner konservativen Einstellung, als meine Ehefrau sehen wollen.“ Oder: „Wären Sie hier, so wäre ich wirklich verliebt, zum zweiten Mal in meinem Leben.“ Oder, noch paradoxer: „Seit Sie abgereist sind, habe ich nur ein einziges Gedicht geschrieben. Ich schicke es Ihnen. Es heißt ‚Die Freundin‘, ist aber nicht über Sie.“

Und er fügt diesem Brief ein Gedicht bei, in dem er seine geschundene Muse besingt, eine häßlich gewordene Frau, von der er am Ende sagt: „Auf deine hohe Stirn wird sich nie ein Schatten legen.“ Das erinnert mich an Liebesdialoge aus Knut Hamsuns Büchern, an die verzweifelten Understatements des Johan Nagel, des Leutnants Glahn und der beiden Liebenden aus „Victoria“. Es sind Liebesbezeugungen aus dem Unterbauch, dem geistigen Hinterstübchen, Herzensergüsse des verschämten Leidenschaftlichen, der sich als Clown ausgibt, der wohlkalkuliert mit seinen Bällen spielt. Daniil Charms gesteht seiner angebeteten Klavdija, er liebe sie so unendlich zärtlich, weil sie in Moskau in den Zoologischen Garten gehe, nicht „um sich die Zeit zu vertreiben, sondern auch um die Tiere zu betrachten.“

Daniil Charms starb, wie er lebte, ein Sandkorn im Getriebe: 1942, während der deutschen Blockade von Leningrad, kam er im Gefängnis um, als Opfer „illegaler Repressionen“ der Stalin-Bürokratie, wie es heißt. „Charms war nicht für diese Welt geschaffen“, sagte Nikolaj Ivanovic, einer der besten Kenner der russischen Literatur der Zwanziger Jahre, zu Peter Urban, dem Entdecker und Übersetzer Charms’ ins Deutsche, „er war zerbrechlich, zu zart.“

An die Schauspielerin Klavdija hatte Charms geschrieben: „Ich habe begonnen, die Welt in Ordnung zu bringen. Und da plötzlich erschien die Kunst. Erst hier habe ich den wahren Unterschied zwischen Sonne und Kamm begriffen, aber zugleich erkannte ich auch, daß das ein und dasselbe ist.“ Immer bleibt etwas Rätselhaftes in dieser hintersinnig plausiblen Redeweise des Dichters, geheime Winkelzüge in seinen Denk- und Deutungslinien.

Peter Urban hat auch die „Briefe aus Petersburg“ übersetzt. Obgleich ich keines Wortes der russischen Sprache mächtig bin, vermittelt mir das lapidare Sprechen und der pointierte Stil Urbans diese besondere Spielart des schwarzen Humors, die Daniil Charms nachgerühmt wird.

Daniil Charms:

Briefe aus Petersburg 1933.

Aus dem Russischen und herausgegeben von Peter Urban; Friedenauer Presse, Berlin 1988; 24 S.; 14,80 DM