Warum schlugen sie Asylbewerber krankenhausreif?

Von Eberhard Reuß

Mannheim

Wenn einer gesagt hätte, gehen wir nicht hin, ich glaube, wir wären nicht hingegangen. Aber keiner von uns wollte das Gesicht verlieren und als Feigling dastehen“, schildert der 22jährige Michael F. vor der Jugendkammer des Mannheimer Landgerichtes die Geschichte jenes Samstagabends, an dem sechs junge Männer in Schriesheim bei Heidelberg in einen Wohncontainer eindrangen, in dem indische, iranische und afghanische Asylbewerber untergebracht waren. Vermummt mit Motorradunterziehhauben schlugen die jungen Rechtsradikalen mit Holzknüppeln zwei Inder krankenhausreif, beleidigten und bedrohten die anderen Bewohner und setzten sich danach unerkannt in die Dunkelheit ab.

„Positive Übereinstimmung“

„Es hat jeder von uns was Besseres vorgehabt als dieses Asylantenwohnheim“, fährt Michael F. fort, „ursprünglich wollten wir am 30. Januar mal am Marktplatz in der Ladenburger Altstadt vorbeischauen. Da macht die Deutsche Friedensgesellschaft jedes Jahr ’ne Mahnwache zur Erinnerung an die Machtergreifung.“ Was er mit „vorbeischauen“ meine? „Naja, wir wollten uns das halt mal ansehen“, druckst der schlaksige 22jährige mit den dunklen langen Haaren herum, „aber wir sind da irgendwie zu spät gekommen, um sechs Uhr abends war gar nichts mehr los. Und dann hieß es half. ‚Gehen wir halt nach Schriesheim und schauen uns die Wohncontainer an.‘ Es war schon fast acht Uhr, so richtig Lust hatte keiner mehr, als wir ankamen. Ich hatte gedacht, die Asylanten würden ziemlich Widerstand leisten, so ’ne große, allgemeine Keilerei.“ Und der Sinn des ganzen Überfalls? „Hat keinen Sinn, ich mein’, wir haben uns nicht überlegt, ob das Schein-Asylanten sind, oder wirklich arme Schweine. Also ich bin immer noch der Meinung, daß hier’n paar Asylanten zuviel rumlaufen, aber s’macht irgendwie keinen Sinn, Leuten auf den Kopf zu schlagen.“

Am 55. Jahrestag der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ wurden die Asylbewerber überfallen, am 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“ beginnt vor der 7. Großen Jugendstrafkammer des Mannheimer Landgerichtes der Prozeß gegen sieben junge Angeklagte zwischen 18 und 22 Jahren. Das Datum dient einigen Verteidigern sogleich für einen – erfolglosen – Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Dieter Sindlinger. Der Termin 9.11. ist ein unbeabsichtigter Zufall, wenngleich der Richter am Ende des Verfahrens von einer durchaus „positiven Übereinstimmung dieses Datums“ spricht.

Fünf der jungen Angeklagten, darunter vier Skinheads, waren direkt am Überfall beteiligt, ein weiterer hatte im Auto gewartet. Der siebte hatte auf Bitten seines tatverdächtigen Freundes dessen umfangreiche Munitionssammlung beiseite schaffen wollen. Ein weiterer Jugendlicher ist nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft nach Frankreich geflohen und in der Fremdenlegion untergetaucht.

Schriesheims Bürgermeister Peter Riehl nannte die Täter unmittelbar nach Bekanntwerden des Überfalls „verblödete, hirngeschädigte Rechtsaußen“. Die Polizei hatte sie nur wenige Tage später festgenommen und präsentierte in einer Pressekonferenz ein umfangreiches Arsenal an Leuchtspur-, Infanterie- und Manövermunition nebst neonazistischem Propagandamaterial.

Tage vor Prozeßbeginn kursierte das Flugblatt einer „Antifaschistischen Aktion“ an den Universitäten in Mannheim und Heidelberg, das zum „Besuch des Nazi-Prozesses“ aufforderte: „Kein Fußbreit den Faschisten! Schlagt sie, wo Ihr sie trefft! Ausländer bleiben, Nazis vertreiben! Hoch die Internationale Solidarität!“ Die Jugendkammer schloß auf Antrag der Verteidiger die Öffentlichkeit aus, nur die Journalisten durften bleiben. Man wolle auf die Zukunftsperspektiven und Resozialisierungschancen der heranwachsenden Angeklagten Rücksicht nehmen, so lautete die Begründung.

Es ist keine festgefügte Neo-Nazi-Gruppe, die fünf Verhandlungstage lang mehr oder minder gelassen und scheinbar unbeteiligt den Prozeß verfolgt. Gewiß, man war Mitglied beim „patriotischen Wanderverein Neckarstrand“, absolvierte mitunter paramilitärische Gewaltmärsche, begegnete einander auf Veranstaltungen der rechstextremen „Deutschen Liste“ und betätigte sich dort auch gelegentlich als Saalordner. Doch ein geschlossenes, rechtsradikales Weltbild kann man allenfalls dem 22jährigen Thomas P. attestieren, den das Gericht als den Initiator des Überfalls ansieht. Nicht von ungefähr, so will es scheinen, wird er vom Mannheimer Rechtsanwalt Ludwig Bock verteidigt, dem „Star-Anwalt der Alt- und Neo-Nazis“, wie der stern den Juristen anläßlich des Düsseldorfer Majdanek-Prozesses bezeichnete. Doch geschlagen und geknüppelt hat nicht der aus geordneten Familienverhältnissen stammende Thomas P. Dafür gab es andere Mitläufer – aggressiv, sozial benachteiligt aufgewachsen, retardierte Persönlichkeitsentwicklung lautet das Raster, das auf die Mehrzahl der jungen Angeklagten paßt.

So einer, der sein kurzes Leben lang kein noch so kleines Stück vom Glück erwischt hat, ist „das Gerdche“, wie ihn seine Freunde von den Skinheads liebevoll nennen. Der schmächtige kleine Kerl lebt seit Monaten allein in der Wohnung seines geschiedenen Vaters, der auf und davon ist und erst nach der dritten Vorladung vor der Jugendkammer erscheint. Gegen seinen 18jährigen Sohn laufen zwei weitere Verfahren wegen einer Schlägerei mit Münchner Fußballfans und wegen eines Überfalls auf zwei Homosexuelle. Ausgerechnet „Gerdche“, der schwächste und labilste der jungen Täter, „ein Mensch, der dem Gericht leid tut“, so Jugendrichter Sindlinger, muß am Ende des Verfahrens hinter Gitter: Für die Jugendkammer die letzte erzieherische Maßnahme, um den 18jährigen Arbeitslosen vor dem endgültigen Abdriften zu bewahren. Das Urteil lautet Jugendstrafe auf unbestimmte Dauer, Minimum 22 Monate, Maximum dreieinhalb Jahre – ohne Bewährung. Noch im Gerichtssaal wird „Gerdche“ festgenommen. Zum ersten Mal scheinen seine Freunde auf der Anklagebank wirklich berührt zu sein von dem Verfahren.

Alle anderen kommen nach fünf Prozeßtagen mit Geldstrafen zwischen 1000 und 2500 Mark sowie Haftstrafen zwischen anderthalb Jahren und drei Monaten auf Bewährung davon. Der Unglücksrabe, der aus falsch verstandener Freundschaft die Munitionskollektion fortschaffen wollte, geht straffrei aus. Seinen Traum, Berufsoffizier zu werden, hat die Bundeswehr abrupt beendet: Wegen des anhängigen Verfahrens ist der 22jährige Unteroffizier fristlos entlassen worden.

„Das Gericht darf nicht über politische Vorstellungen urteilen“, betont Richter Sindlinger zum Abschluß des Verfahrens, „aber wo der Rechtsfrieden verletzt wird, ist einzuschreiten. Diskussion ist erlaubt, Gewalt verboten.“ Die Absage der Angeklagten an die Gewalt klingt uniform und wirkt wie auswendig gelernt. Oder ist das eine andere Form von Gruppenzwang: Dem Freund, dem Bekannten keine Blöße zeigen? Keine Reue? Entschuldigt haben sie sich vor Gericht nicht für den Überfall.

Welche Rolle spielte der Lehrer?

Einer der nach Ansicht der Jugendkammer Hauptverantwortlichen für die politische Beeinflussung stand nicht vor Gericht: Der Weinheimer Stadtrat Günter Deckert, ehedem NPD-Mitglied, mittlerweile bei der „Deutsche Liste“ aktiv und vormals Lehrer am Carl-Benz-Gymnasium in Ladenburg. Thomas P. ging Anfang der achtziger Jahre in eine von Deckerts Klassen, Michael F. besuchte damals ebenfalls das Carl-Benz-Gymasium. Gemeinsam nahmen die beiden Schüler außerhalb des Unterrichts an Deckert-Veranstaltungen teil, auch beim Thema „Ausländerkriminalität“. Gewiß könne niemand Günter Deckert im strafrechtlichen Sinne für den Überfall auf die Asylbewerber verantwortlich machen, betonte Staatsanwalt Hoffmann in seinem Schlußplädoyer.

Als der Prozeß eröffnet wurde, am 50. Jahrestag der „Reichskristallnacht“, wurde der Beamte Günter Deckert vom Disziplinarhof des Baden-Württembergischen Verwaltungsgerichtshofes in Mannheim wegen mangelnder Verfassungstreue endgültig aus dem Staatsdienst entlassen.