Von Barbara von Jhering

„Die Sprache des Dritten Reiches scheint in manchen charakteristischen Ausdrücken überleben zu sollen; sie haben sich so tief eingefressen, daß sie ein dauernder Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen.“

Victor Klemperer, Dresden 1946

Ein deutscher Bundestagspräsident verfehlt die rechten Worte bei einer Rede, die der Opfer des Massenmordes an den Juden gedenken soll. Nur die Worte? Ein Bundeskanzler gebraucht einen Ausdruck, der den Niedergang der deutschen Parteienkultur vor 1933 heraufbeschwört und während der Nazizeit negativ besetzt blieb: „Volksverhetzung“. Ein bayerischer Innenminister erfindet sogar ein Wort in tiefbraunem Geist: „durchraßt“. Und dann schreibt in der linken tageszeitung ein 37jähriger Autor, eine Disco sei „gaskammervoll“, und Anselm Kiefers Bilder – „Kellerbunkermuff mit KZ-Schornsteinruß“ – hätten in Amerika „bei jüdischen Kennern und Sammlern ... den furiosesten Kauftrieb“ erregt,

Was ist das? Eine zufällige Serie von sprachlichen Entgleisungen im Rahmen des Üblichen – aus dem Unterbewußtsein hochschwappende Reste nationalsozialistischer Bilder und irgendwann, irgendwie inhalierter Denkmuster?

Daß Politiker über die Sprachtrümmer der Vergangenheit stolpern, gehört hierzulande schon fast zur Tagesordnung: ein Jenninger aus Unbeholfenheit, die Alt-Nazis aus Uberzeugung, die Inhaber höherer Ränge aus Kalkül. Aber wie kommt es, daß in einem Blatt der Linken, das traditionell den Antifaschismus adoptiert hat, solche Begriffe und Gedanken auftauchen? Zynismus? Provokation? Oder ist da ein neuer Antisemitismus am Werk?

Anders als die Politiker, die sich mit Leerformeln davonstehlen und unter massivem Druck sofort und umstandslos „bereit“ sind, „diesen Begriff zu streichen“ (Kohl), oder sogar „gerne bereit, auf diesen Begriff zu verzichten“ (Stoiber), machte es sich die taz alles andere als leicht: Seit drei Wochen führt die Redaktion, auf mittlerweile zehn „Debattenseiten“, eine heftige Auseinandersetzung um Sprache, ihren öffentlichen Gebrauch, um Bewußtsein – stellvertretend für jene, deren Selbstkritik so beklagenswert unterentwikkelt ist.