Von Martin Ahrends

Volker Braun hat seine Schublade geöffnet, in der sich in den letzten Jahren offenbar einiges gesammelt hat, das er entweder nicht veröffentlichen wollte oder konnte. Manches ist auch verstreut bereits erschienen; es sind kürzere essayistische Texte, Satiren, Notate, Dialoge, die einen geistigen Wandel des Dichters in den achtziger Jahren markieren.

„Es ist alles gesagt. In der ‚Übergangsgesellschaft‘ bin ich in einen ANDEREN übergegangen / Der vor anderen Fragen steht“. Volker Braun läßt diese Sätze so offen, wie ihm offenbar die neue Situation ist. „Die Übergangsgesellschaft“ heißt sein letztes Stück, das in Ost-Berlin mit großem Erfolg aufgeführt wurde. Es ist ein Endspiel, eine tschechowsche Personage wird in eine vergiftete heutige Landschaft versetzt und in ihrer irrlichternden Hoffnungslosigkeit noch vom Sarkasmus. eines alten Genossen übertroffen. Nach all seinen Stücken, die einer halbherzigen, versandeten, verratenen Revolution den Prozeß machten, um sie als Idee zu retten, ist dies der Abgesang auf jenen Fortschrittsglauben, der bisher hinter Brauns marxistischer Weltanschauung stand.

In dem in Rede stehenden kleinen Band finden sich Reisenotizen, „21., 22. August 1984“ überschrieben. Es sind Gedanken während einer Ungarn-Reise, die Braun kurz nach Franz Fühmanns Tod und auf dessen Spuren unternahm. Auf dessen geistigen Spuren vor allem; er hat Fühmanns umfängliches, zehn Jahre zuvor erschienenes Reisetagebuch im Gepäck: „Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens“, ein Buch, das die mutige Selbstbesinnung und Selbstentlarvung Fühmanns dokumentiert, die sein Schreiben in den letzten Lebensjahren gründlich gewandelt haben. Wandlung ist denn auch das Leitmotiv der Braunschen Exzerpte und Notizen, das „Übergehen in einen Anderen“, von dem in den eingangs zitierten Sätzen die Rede war.

Und noch anderes hat er im Reisegepäck: Dantes „Divina Commedia“ und Schuberts „Winterreise“, endgültige Literatur und Lieder, die von einem großen Ende singen. Und eine Frage hat er im Koffer: Ob seine Aufsatzsammlung „das Stempelchen“, die Genehmigung der Zensurbehörde bekommt oder nicht. Wie erwartet, kann die Sammlung nicht in der DDR erscheinen; Braun notiert: „Der Urlaub ist verdorben mit dem Strich durch die mehrjährige Rechnung... ich wußte, daß das Buch keiner genehmigen kann, und durfte es nicht wahrhaben. Wer kann es verantworten auf seinem Stuhl? Doch nur ich: und das sollte genügen.“ Und weiter: „Aber wenn das, was ich schreibe, im .Widerspruch’ zur Partei steht, wie kann ich dann“ – es folgen, als scheue er die Konsequenz des Gedankens, zwei Notate, die die Pußta-Landschaft schildern, ehe er fortsetzt: „wie kann ich dann Mitglied sein?“

Soweit ist Volker Braun zuvor noch nicht gegangen, seine SED-Zugehörigkeit war immer ein wesentlicher Teil seiner Identität: Sein Engagement für die sozialistische Übergangsgesellschaft in der DDR, für jene Ordnung, die die permanente Revolution auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Nun, scheint es, hat er die Hoffnung auf äußeren Wandel begraben und betreibt den inneren mit schmerzhafter Konsequenz: „Du wirst krank, sagte C., weil du nicht davon loskommst. Wovon? Von meiner Hoffnung. ‚Was erwartest du dir von dieser Gesellschaft?‘ Und von mir, von mir in ihr.“ Und an anderer Stelle: „Wandeln – die Haltung ändern, die Art des Lebens. Noch bin ich eingemeindet in die Disziplin, die Hörigkeit. Noch übe ich Rücksicht, um der GEMEINSAMEN SACHE willen ...“ Und nach der Dante-Lektüre beschreibt er seine eigene Hölle: „Die Hölle, das sind nicht die anderen. Das ist mein Verhalten ... Mein Schwanken, mein Zögern, meine Scheu zu verraten“. Dies schrieb Volker Braun vor vier Jahren, wo mag er jetzt angekommen sein? War es mit der Notation dieser „Hölle“ schon getan?

Volker Braun stellt jene Zugehörigkeit in Frage, die ihm über Jahrzehnte die Kraft gab, seine Gesellschaft vom Gesichtspunkt ihres Fortschritts aus zu provozieren. Jene Zugehörigkeit, die seinem Schreiben den Sinn gab. Wie oft hat er mit gedanklicher Akrobatik, mitunter auch Gewaltsamkeit eben jenen Fortschritt der Menschheit verteidigt, der ihm nun grundsätzlich zweifelhaft geworden ist. Und an diesem Punkt des Loslassens, der Klarheit, werden seine Gedankengänge ungewohnt schlicht und gerade. Volker Braun, der Dialektiker, der sich die Gedanken bog und knotete, bis das Weltbild und die widerstrebende Realität sich zum Machbaren, Offenen, Lebenswerten verschlangen – kann man ihn sich vorstellen als einen „Menschen ohne Zugehörigkeit?“ In seinem Buch schildert er einen solchen, einen versnobten westlichen Altachtundsechziger, mit höchster Verachtung. Doch auch nicht ohne untergründige Bewunderung: „Er ist davongekommen, der Selbsthelfer, der Erfinder seines eigenen Lebens. Die Hoffnung, die Gefahr, der Mann von heute.“