Von Fritz J. Raddatz

"Leben ist Lieben

und Schreiben

ist lauter als Schrein

Der Satz von Gottfried Benn ist bekannt: "... keiner auch der großen Lyriker unserer Zeit hat mehr als sechs bis acht vollendete Gedichte hinterlassen", sagte er 1951 in seinem Vortrag "Probleme der Lyrik"; fügt man noch das Verdikt hinzu: "Gut gemeint ist das Gegenteil von Kunst" – dann hat man das Arsenal beisammen, aus dem sich Erich Frieds Gegner zeitlebens bedienten. Ob in einer scharfen Rezension (von Jörg Drews), einem aggressiven Aufsatz (von Peter Härtling), einer schnöden Attacke (von Henryk M. Broder) oder soeben im Nachruf von Wolf Biermann – angesichts der Überproduktion von Tausenden von Gedichten in rund zwanzig Bänden war Spott und Häme angesagt; da heißt es: "Nein, die meisten seiner Gedichte waren in meiner bornierten Sicht keine Gedichte, sondern Gedachte. Intelligente, fortschrittliche, menschenfreundliche Anmerkungen zu allem, was uns bewegt oder bewegen sollte. Wenn ich dieses Dachten Gedachte las, dachte ich fast jedesmal: Ja! Stimmt! Recht hast Du! Wahre Worte! Das mußte mal deutlich gesagt werden! Gut getroffen! Aber diese untereinander geschriebenen Prosasätze hatten eine gradezu Karl Kraus-artige Dürre des richtigen Gedankens."

Ich gestatte mir, anderer Meinung als Biermann zu sein. Das Werk des 1938 knapp seinen Häschern Entronnenen (Vater und Großmutter wurden ermordet) ist nicht nur eine fünf Jahrzehnte hindurch entrollte Wandzeitung. Es ist vielmehr eine in seinen gelungenen Teilen artistisch hoch entwickelte Literaturleistung; versuchsweise möchte ich für den Strom lyrischer, proklamatorischer und prosaistischer Äußerungen Frieds den Terminus "lakonische Rhetorik" anwenden. Mit Rhetorik ist nicht der zitatverzierte Wortschwall umhergehender Festredner gemeint – sondern ein ganz originäres Ausloten von Sprachstrukturen; das Erspüren und Erarbeiten einer musikalischen Grammatik.

Helmut Heißenbüttel hat das einmal so formuliert: "Was Erich Fried wie keinem anderen gelungen ist und was kaum einer von denen, die vergleichbar sind, vielleicht Franz Mon auf seine Weise ausgenommen, so erreicht hat, ist die Öffnung des Unbewußten und Unterbewußtseins des Sprachakts selbst. Das Aufscheinenmachen des Untergrunds im Sagen des Offensichtlichen." Damit ist schon, das literarische Grenzland kartographiert, das Fried bewohnte: "das Offensichtliche" kann man auch das Faktische nennen.