Von Marlies Menge

Ost-Berlin, Ende November

Das Verbot des Sputnik und fünf sowjetischer Filme war zuviel. Selbst diejenigen DDR-Freunde, die sonst eher ruhig und zurückhaltend reagieren, sind empört. Der Zorn über das selbstherrliche Eingreifen der obersten Chefs hat sogar die Genossen erfaßt. Parteibücher wurden zurückgegeben; Gruppenleiter der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft in Betrieben drohten die Auflösung ihrer Gruppen an, sollten die Verbote nicht zurückgenommen werden. In einer Rostocker Oberschule legte die Russischlehrerin Schülern der 12. Klasse nahe, aus der Gesellschaft auszutreten; Schriftsteller und Filmemacher schrieben Briefe, in denen sie sich gegen die Zensurmaßnahmen aussprachen.

Beim Kongreß des Verbandes Bildender Künstler konnte in der letzten Woche mit Mühe und Not eine Petition in dieser Sache abgebogen werden, indem sich die Teilnehmer auf einen weniger öffentlichen gemeinsamen Brief einigten. Der Kongreß war auch sonst bemerkenswert. Eine Statutenänderung zur Wahl des Präsidenten, die schon im Vorfeld heftig umstritten war, wurde abgelehnt, weil Mitglieder hinter dem Vorhaben eine Beschneidung ihres Mitspracherechts witterten. Neben den vorgeschlagenen Kandidaten für den Vorstand wurden 19 zusätzliche Bewerber aufgestellt, vor allem von der Basis. Neun von ihnen wurden gewählt. Am Ende, so ein Tagungsteilnehmer, seien zwar alle erschöpft gewesen, sie hätten aber das angenehme Gefühl gehabt, etwas erreicht zu haben. Eine Frau aus Potsdam, dienoch vergangene Woche im Kinoprogramm den sowjetischen Film „Das Thema“ entdeckte, rief vorsichtshalber im Kino an und fragte, was um 17 Uhr gespielt würde. „Na, ‚Das Thema‘ jedenfalls nicht“, antwortete die Frau an der Kasse so, als habe sie diese Frage schon häufiger beantworten müssen. Ärgerlich fügte sie hinzu: „Ich kann nichts dafür. Ich finde das auch idiotisch.“ Im Kino im Ostberliner Neubaugebiet Marzahn, wo der sowjetische Streifen „Morgen war Krieg“ durch einen westdeutschen Film ersetzt worden war, äußerten die Zuschauer ihren Unmut über den „oberflächlichen, harmlosen, westdeutschen Mist“, den sie statt des Films, dessentwegen sie gekommen waren, ansehen müßten.

Als Rechtfertigung für das Sputnik-Verbot wurde im Neuen Deutschland zunächst ein Kommentar der westdeutschen DKP-Zeitung Unsere Zeit abgedruckt. Doch als ob die Führung eingesehen hätte, daß das nicht ausreichte, um den Zorn zu dämpfen, legte das Parteiblatt einen Tag später einen eigenen, deutlicheren Kommentar nach. Sputnik verzerre nicht nur die Geschichte der Sowjetunion und der KPdSU, sondern auch der KPD, das Blatt verunglimpfe deutsche Kommunisten, indem es behaupte, sie hätten es nicht gewagt, sich mit den Sozialdemokraten im Kampf gegen die Nazis zu vereinigen, und hätten nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt 1939 Stalin gehorcht, als er befohlen hatte, jede antifaschistische Propaganda einzustellen. Am schärfsten verwahrt sich das Neue Deutschland gegen die These, Stalin habe Hitler den Weg geebnet. Eine derartige Gleichstellung Hitlers mit Stalin stünde im Widerspruch zur DDR-Verfassung und vor allem zur deutsch-sowjetischen Freundschaft, die die Zeitung in alter Phraseologie „Herzenssache von Millionen“ nennt.

An der antifaschistischen Vergangenheit deutscher Kommunisten lassen die DDR-Oberen nicht kratzen, auch nicht vom Großen Bruder. Schließlich ist der Widerstand gegen die Nazis Hauptbestandteil ihrer Legitimation im Volk. Aber indem die SED-Führung jede Diskussion darüber unterbindet, schadet sie sich selber mehr, als sie vielleicht ahnt. Honecker zum Beispiel war bisher sehr angesehen. Ihm wurde zugute gehalten, daß er in der Nazizeit in Haft gewesen war, daß er in den siebziger Jahren die Entspannungspolitik mitgetragen hat, eine gewisse Öffnung zum Westen und etwas mehr Liberalisierung in der Kulturpolitik zuließ und sich um eine bessere Versorgung kümmerte. Es gab kaum Witze über ihn. Das hat sich in letzter Zeit geändert.

„Warum geht Honecker nicht in Urlaub?“ heißt es in einem Witz, „Gorbatschow hat gedroht, ihn zu vertreten.“ Oder: „Honecker fährt mit dem Traktor über den Alex und sucht seine Anhänger.“ Andere Witze stellen das ganze System in Frage: „Was ist der Unterschied zwischen einer Waschmaschine und dem Politbüro? – Die Waschmaschine kann man entkalken.“ – Warum fahren die älteren Politbüromitglieder nicht mehr S-Bahn? Weil da immer gerufen wird: Zurücktreten bitte! Warum fahren sie lieber Bob? Weil es da zügig abwärts geht, und es zu beiden Seiten eine Mauer gibt.“ Die Witze geben die bittere Stimmung im Lande wieder. Selbst positive Entwicklungen werden kritisiert, wie die plötzliche Judenfreundlichkeit, die besonders bei den Gedenkfeiern zur Pogromnacht zelebriert wurde. So wird moniert, daß die SED-Führung kein Wort darüber verlor, warum sie auf einmal von der bisherigen einseitig antiisraelischen Haltung. abging und ratlos ist, wenn in der antifaschistischen DDR Jugendliche neuerdings Hitler-Parolen benutzen, um die Obrigkeit zu verletzen.