Von Helmut Schödel

Explosion im vierten Stock, in der Hauswand klafft ein Loch Vor dem Loch: der Photojournalist. Er ist kein Philosoph, es irritiert ihn nicht, daß an diesem Tag seine eigentliche Domäne fehlt: der Vordergrund. Dieser Photojournalist ist ein Bildhändler, ein Bildräuber, ein Söldner der Boulevardpresse – bezahlt fürs Abdrücken. Klackklackklack, während die Nikon auf das Loch zielt, wird die verletzte Frau abtransportiert. Der Photojournalist gerät unter Beschaffungsdruck. Noch ein Bild muß her, eines, das die verunglückte Frau zeigt, irgendeines aus irgendeinem Familienalbum. Jetzt sind es nur noch zwei Stunden bis zur deadline.

Noch am selben Abend • erscheinen in der Nachtausgabe die Bilder. Sie sehen aus wie Schlagzeilen. Explosion im vierten Stock! Dazu ein Bild von Hilde K., aufgenommen Jahre bevor sie sich entschloß, mit dem Gasherd zu leben. Noch am selben Abend erschlagen die Bilder das Unglück. Auf die Explosion folgt das Blitzlichtgewitter des Bilderkriegs, der sich jetzt im Boulevardblatt abbildet.

Dieser Krieg zerstört auch Landschaften. Auf einmal sieht die ganze Welt neureich aus: Egal, ob wir auf den Grand Canyon schauen, auf die Hügel der Toskana oder die Slums von Rio. Giftig bunt strahlt der falsche Glanz dieser Bilder aus den illustrierten Magazinen. Im Grunde erzählen diese Doppelseiten vollkleisternden Photos von nichts als dem hohen technischen Standard des photographischen Geräts (und den matten Augen der Betrachter). Man schaut nicht einmal wie ein Voyeur auf solche Bilder, sondern wie ein Vampir in den Spiegel. Da reflektiert nichts, da kommt kein Glanz mehr in die Augen. Photographieren ist ein Job und keine Seelenwanderung, sagen diese Bilder (und zitieren damit sinngemäß den Photokünstler .Helmut Newton).

Style statt Stil, face statt Gesicht. Aus viel Farbe und Licht entstehen Bilder von der Tagseite der Welt. Zeigt so ein Photo den Mond, ist es ein Mond für Lagerfeld. Die Linse ist nicht das dritte Auge des Photographen, sondern sein einziges. Kein Wunder, wenn ihm die erdabgewandte Seite des Mondes verborgen bleibt und ihm vor allem dies auffällt: das ausgefallene Gelb des Planeten, von Kratern gemasert. Tagmenschphotographie.

Wenn in solcher Zeit ein Komet am Himmel über München erschiene, müßte sein Schweif auf ein Haus in der Isarvorstadt zeigen. Dort arbeitete in einem eher ärmlichen Atelier ein Bilderforscher und Menschenscheiter, der Photograph Joseph Gallus Rittenberg. Schon 1978 gestand er der Münchner Abendzeitung: "Ich bin wie Alaska. Als Land öd, aber als Bodenschatz von größter Bedeutung."

Nacht füllt das Bild aus. Nur am rechten Rand, ganz oben, erscheint ein Gesicht. Sonst sieht man von dem Mann nur noch die rechte Hand, die eine Zigarette zum Mund führt. Die Nacht wirft Schatten auf Gesicht und Hand, deren Farbe der Zigarettenasche gleicht. Auf die Nasenspitze des Mannes fällt Licht. Durch eine schwarze Hornbrille schaut er aus dem Bild heraus, an uns vorbei – dorthin, wo das Licht herkommt. Er selber bleibt im Dunkeln. In der Welt, die dieser Mann bewohnt, unterbricht nicht die Nacht den Tag, sondern der Tag die Nacht. So hat Rittenberg Fassbinder photographiert. Auch Rittenberg ist keiner von der Tagseite. Wenn man den eher kleinen Mann wippenden Schritts durch die Straßen laufen sieht, weiß man: Der geht nicht durch München, sondern durch die Welt.