Das große Essen – Seite 1

Der Film hat eine Langsamkeit, die man im Kino nicht mehr erwartet. Nicht, Weil irgend jemand gelernt hätte, wirklich schneller zu sehen, zu begreifen; sondern Weil man sich daran gewöhnt hat, einfach weniger zu sehen.

Hier aber macht es schon einen Riß in der Erzählung, wenn ein Reiter durchs Dorf stürmt; weil man dann sieht, wie die Zeit auf einmal schneller vergeht, und weil es ein unglücklich Verliebter ist, der davonreitet und seine eigene Geschichte zerreißt. Lorens Löwenhjelm hat Martina geliebt, die Tochter des Dorfpropstes. Am Ende des Films wird er wiederkehren, um mit ihr ein Fest zu feiern, das alle Geschichten aufhebt und zusammenführt, das Fest von Babette.

"Als junge Mädchen waren Martina und Philippa außerordentlich hübsch gewesen, von der Schönheit blühender Obstbäume." Der Film folgt dem Text der gleichnamigen Erzählung von Tania Blixen, aber so, daß es trotzdem Spaß macht, im Kino zu sitzen und nicht vor dem geöffneten Buch. "Die beiden Mädchen griffen in das Schicksal zweier Herren ein, die aus der großen Welt da draußen gekommen waren und deren Herzen sie tief beunruhigt hatten." Vielleicht sind es gerade die kleineren, vergänglicheren Erzählungen, die solche Filme möglich machen: weil die Worte nicht so schwer wiegen, stehen sie mit den Bildern im Gleichgewicht.

Die Herren, das sind Lorens Löwenhjelm, ein Husarenleutnant, und Achille Papin, ein Operntenor aus Frankreich, der in dem kleinen Dorf an der Küste Jütlands Ferien macht. Vous êtes Papiste? fragt der Dorfpropst den Tenor, und schon diese kleine Szene zeigt, daß es dem Film ernst ist mit seinem Genre und den Bildern, die er davon malt. Ja, Papin ist Papist, aber trotzdem darf er Philippa Gesangsunterricht geben, verliebt sich in sie, wird abgewiesen und fährt zurück nach Frankreich. Das ist im Jahr 1854, und erst siebzehn Jahre später geht die Geschichte weiter. Der Film hat Zeit.

Im Jahr 1871 wird die Pariser Commune vernichtet, und Babette, versehen mit einem Empfehlungsschreiben Papins, kommt nach Jütland. Babette ist auf der Flucht, sie möchte leben und sonst nichts, und Martina und Philippa nehmen sie auf als Dienerin ohne Bezahlung.

Stéphane Audran, Chabrols "untreue Frau", spielt die Babette. Den ganzen Film über hat sie diese Angst und Unruhe des Nichtzuhauseseins in den Augen, die nur ganz wenige spielen können (Romy Schneider, in ihren besten Filmen, konnte so aussehen). Als Babette dann zehntausend Francs im Lotto gewinnt, spielt Stephane Audran das beinahe wie einen Schicksalsschlag. Nun muß sie fort.

Babette gibt ein Abschiedsfest für das ganze Dorf. Aus Frankreich läßt sie Wein kommen, Wachteln, eine Riesenschildkröte, frisch geschlachtete Hähnchen, einen Eisblock und einen Ochsenkopf. Das macht den gläubigen Schäfchen des Dorfes Angst, und so beschließen sie, das Festmahl wie eine Strafe Gottes über sich ergehen zu lassen, mit frommen Sprüchen und starren Mienen.

Das große Essen – Seite 2

Denn Babettes Essen ist die reine Verführung: Schildkrötensuppe, Blinis Davidoff, cailles en sarcophage (getrüffelte Wachteln in Blätterteig), dazu Amontillado, einen Veuve Cliquot und Bordeaux vom Besten. Und während die christlichen Asketen diese Kostbarkeiten schweigend in sich hineinstopfen, erzählt Lorens Löwenhjelm, mittlerweile General, die Geschichte von der Küchenchefin des Pariser "Café Anglais", die ihren Gästen den Vorgeschmack des Paradieses zu kosten gab und im Jahr der Commune plötzlich verschwand. An diesem Abend kehrt sie zurück.

"Babettes Fest" von Gabriel Axel gewann in diesem Jahr den Oscar für den besten ausländischen Film. Wer Literaturverfilmungen prinzipiell ablehnt, wird auch diese mit frommen Wahrheiten abtun können. Wer sich aber sehnt nach der zerbrechlichen Einheit von Wort und Bild, die das Kino noch manchmal erreicht, für den ist die Tafel gedeckt.

Andreas Kilb