Heuss beklagte in einem Brief das Ergebnis der Wahl und erinnert daran, „daß mein persönliches Experiment, mich wieder in die breite Parteipolitik einzulassen, auf der Voraussetzung ruhte, daß Ernst Mayer nicht nur im Spiel blieb, sondern daß er mir die Tagesarbeit völlig abnehmen und mich vertreten könne. Ich bin kein Mann der Organisation, was jedermann weiß.“

Es gab nach Heppenheim manche unerledigten Rechnungen. Schwennicke (Berlin) warnte in einer Aktennotiz vor linken Entwicklungen, die sich in einer „mimosenhaften Empfindsamkeit gegenüber der Betonung eines gesunden Nationalgefühls“ ausdrückten: Auf diese Weise werde die FDP zur Splitterpartei. Mayer dagegen sah die Lage eher noch dramatischer: „Durch mein Fehlen im Führungsgremium ist schon rein zahlenmäßig das Übergewicht der Stahlhelmer gesichert.“

Sicherlich sind in Heppenheim viele Streitfragen nicht ausgekämpft worden, unter anderem hielten es die Liberalen noch nicht für opportun, sich auf die Parteifarben festzulegen. Nördlich der Mainlinie wurde weiter meist Schwarz-Weiß-Rot geflaggt, südlich dagegen wehte Schwarz-Rot-Gold. Dennoch erwiesen sich die Erwartungen von Schwennicke und Mayer als zu pessimistisch. Eine Splitterpartei ist die FDP denn doch nicht geworden. Die Stahlhelmer haben die Partei nicht erobern können. Ihr erster Geschäftsführer in Bonn wurde Mayer.

Mende fand die Führungsmannschaft gut ausgewogen, auch Liselotte Funcke kam ganz zufrieden aus Heppenheim zurück. Und Ella Barowsky drückt wohl die Meinung der meisten Heppenheimer Delegierten aus: „Der Parteitag hat uns Hoffnung gegeben und Mut gemacht.“

Die Bruchlinien, die in Heppenheim nur schwach zu erkennen sind, wurden später deutlicher. Auf dem Emser Parteitag 1952 gingen die Verfechter des „Deutschen Programms“, das im Umkreis von Middelhauve entstanden war, und die Verteidiger des „Liberalen Manifests“ wütend aufeinander los. Der Parteivorsitzende Blücher konnte die Spaltung nur mit Mühe verhindern. Wenig später, nach einigen peinlichen Affären, wurde eine Reihe von Nazis aus der Partei entfernt.

Dann aber begannen sich die Fronten zu ändern. Als Adenauer im Jahr 1956 der FDP etwas zu penetrant mit einer Wahlrechtsänderung drohte, stürzten die Düsseldorfer „Jungtürken“ – Politiker, die unter Middelhauve groß geworden waren – den CDU-Ministerpräsidenten Arnold und gingen ein Bündnis mit der SPD ein. Die sozialistische Gefahr schreckte sie nicht mehr; sie schauten auf die Macht. Die Mitglieder des alten FDP-Establishments aber hatten sich mittlerweile an die Koalition mit der Union gewöhnt. Der Sozialismus war unter Adenauer ja offensichtlich nicht ausgebrochen. Seine Politik der Westintegration fanden sie richtig, während süddeutsche Liberale, Reinhold Maier an der Spitze, von der „Naturgewalt“ des deutschen Einheitsstrebens fabulierten, das sich mit „Donnergebraus“ seinen Weg bahnen werde. Die Revolte in Düsseldorf jedenfalls war nicht mehr zu stoppen. Der „Ministerflügel“ der Partei brach weg. Middelhauve resignierte; Blücher, Euler, Schwennicke und ein gutes Dutzend anderer Abgeordneter in Bonn machten den neuen Kurs der FDP nicht mit und versuchten sich mit einer eigenen Partei, erfolglos.

Als dann die FDP in Bonn – und wieder waren Politiker aus Nordrhein-Westfalen dabei entscheidend – den Weg zu praktischer Gemeinsamkeit mit der SPD suchten, war das vielen süddeutschen Altliberalen wie Reinhold Maier ganz und gar nicht geheuer. Mende indes und die meisten noch übriggebliebenen Nationalliberalen verließen die Partei, offiziell wegen der Ostverträge, wahrscheinlich auch aus antisozialistischem Affekt. Opposition innerhalb des bürgerlichen Lagers hatte auch Mende betrieben, sogar mit den Sozialdemokraten gedroht; das Lager zu wechseln aber war für ihn ein schwerer, fast unmöglicher Schritt. Diese Stimmungslage kennzeichnet heute wieder die FDP. Kein Wunder, daß Mende seine alte Partei neuerdings freundlich betrachtet.