Von Pauline Paul

„Es ist nichts gewöhnlicher als Krankheit und körperliche Gebrechen; aber diese durch geistige oder geistigen ähnliche Mittel aufheben, lindern ist außerordentlich, und eben daher entsteht das Wunderbare des Wunders, daß das Gewöhnliche und das Außerordentliche, das Mögliche und das Unmögliche eins werden.“

Johann Wolfgang Goethe,

„Wilhelm Meisters Wanderjahre“

Im Herbst 1834, am Nachmittag des 8. Oktober, rollt eine Kutsche über das holprige Pflaster durch das verträumte Städtchen Kothen im Herzogtum Anhalt. Vor dem Hause des berühmten 79jährigen Hofrats und Leipziger Emeritus Christian Friedrich Samuel Hahnemann steigt eine junge Dame aus. Und wie es eben so zugeht in einer weltfernen Kleinstadt, hat sich im Nu herumgesprochen, daß die Fremde eine Französin ist. Unangemeldet wagt sie es, bei dem Herrn Hofrat vorzusprechen! Ja, in Mannskleidern läuft das Frauenzimmer herum wie eine Heldin aus den modernen Romanen. Solche Flausen wird ihr der ehrwürdige Doktor Hahnemann, der pedantisch bedacht ist auf Pünktlichkeit und korrektes Benehmen, mit ein paar Diätvorschriften und seinen Arzneipülverchen sicher bald ausgetrieben haben.

Als Mademoiselle Melanie D’Hervilly-Gohier aus Paris in Köthen eintraf, praktizierten in ihrem Heimatland bereits dreißig Ärzte nach dem Verfahren des Samuel Hahnemann. In Paris, wo man sich damals für alles Neue in den Künsten und Wissenschaften schnell begeisterte, wo man sich in den eleganten Salons selbst gegenüber Okkultem freimütig zeigte, wurden über diesen Doktor aus Sachsen auch manch merkwürdige Wunderdinge verbreitet. Nach alchimistischen Geheimrezepten, so gingen die Gerüchte, sollte dieser wundersame Arzt den elan vitale aus Kräutern, Mineralien, sogar aus Metallen herausdestillieren, und schon ein paar Tropfen eines solchen Fluidums genügten, um die schlimmsten Übel zu lindern.

Mademoiselle Melanie D’Hervilly, Malerin und eine gebildete Dame aus den besseren Kreisen der Pariser Gesellschaft, hatte vor Antritt ihrer Reise nach Deutschland das Hauptwerk dieses medizinischen Sonderlings studiert, das „Organon der Heilkunst“, worin, wie in einem Gesetzesbuch, die Lehre der Homöopathie und die praktischen Anweisungen zu ihrer Handhabung dem Arzte in 291 Paragraphen erläutert stehen. Einen düsterverschrobenen Kauz allerdings vermochte sie in den klar und überschaubar geordneten Gedankengängen nicht zu entdecken, eher einen aufgeklärten und universellen Geist. Und so zog sie, selber eine aufgeklärte und kosmopolitisch gesinnte Künstlerin, los, sich ein eigenes Bild von diesem Wunderdoktor zu verschaffen.

Und nicht wenig werden sie gestaunt haben, die braven Kleinbürger von Köthen, daß der vielbeschäftigte Hofrat, der die Zeit für Patientenbesuche stets wohlbemessen einteilte, in den nächsten Wochen ausgerechnet diese extravagante Kranke, die doch bloß wegen eines Bauchweh, eines tic douloureux im rechten Unterleib, zu ihm gekommen war, täglich mehrere Stunden in seiner Praxis empfing. Es mußte sich wohl doch um ein ernsthaftes Gebrechen handeln.

Mademoiselle Melanie und Doktor Hahnemann aber hatten sich an den nun länger werdenden Herbstabenden in immer ausgedehntere Gespräche vertieft über das Wesen und Wirken der homöopathischen Heilkunst. Der Herr Hofrat, in sieben Fremdsprachen bewandert, sprach Französisch schon von Jugend auf ganz besonders gern, und inspiriert von der Wißbegierde seiner Patientin, die sich bald als äußerst gelehrige Schülerin entpuppte, blühte der alte Doktor förmlich auf, wenn er ihr darlegte, wie wunderbar einfach die Homöopathie in ihrem Kern doch sei.

„Similia similibus curentur“, hinter diesem ihrem Grundsatz verbirgt sich die Einsicht, daß Arzneimittel nicht unbedingt und an und für sich heilsam sind. Nein, sie wirken wie ein Gift, stören die Funktionen eines gesunden Organismus. Kurzum, sie machen einen Gesunden krank. Und zwar ruft ein jeder Arzneistoff eine künstliche Krankheit hervor mit nur ihr eigentümlichen Beschwerden. Dem genauen ärztlichen Beobachter fällt an solchen Arzneikrankheiten nun auf, daß sie den natürlichen Krankheitszuständen des Menschen verblüffend ähnlich sind.

„Die Veränderungen, die die Arzneien im gesunden Körper anrichten, existieren doch nicht umsonst, müssen doch wohl etwas zu bedeuten haben?“ hatte sich Samuel Hahnemann einst gefragt, als er, wie durch Zufall, der im Geheimen verborgenen Arzneisprache auf die Spur kam: „... vielleicht sind die Veränderungen und Empfindungen, die jede Arznei im gesunden Menschenorganismus hervorbringt, die einzigen vernehmlichen Laute, die sie – hier nicht übertäubt von schon gegenwärtigen grellen Krankheitssyptomen – distinkt dem vorurteilsfreien Wahrnehmer aussprechen kann über ihre specifike Tendenz, über ihre eigenthümliche, reine, positive Kraft, mit der sie den Körper umzustimmen, das ist, den gesunden zu verstimmen und – wo sie heilen kann – den durch Krankheit verstimmten Organismus wieder in Gesundheit umzustimmen vermögend ist.“ Dieser erstaunliche, dem logischen Verstände gleichwohl recht einsichtige Gedanke, daß zwischen der heilenden Mitgift einer Arznei und den Zeichen einer menschlichen Krankheit eine Beziehung bestehen möchte, leuchtete erstmals 1790 in ihm auf.

Hahnemann, im Frühjahr 1755 in Meißen geboren, war Stipendiat der berühmten Fürstenschule St. Afra gewesen, die vor ihm schon Gellert und Lessing besucht hatten. Seit Beendigung seines Medizinstudiums in Leipzig und Wien hatte er einen großen Teil seiner Zeit der chemischen Forschung und den Problemen der Arzneibereitung gewidmet, mit seinen Ergebnissen auch einigen Ruhm erlangt. Als er nun, 1790, in der Arzneimittellehre des schottischen Arztes William Cullen (1712-1790), damals ein Standardwerk, das er ins Deutsche übersetzte, die erfolgreiche Behandlung des Wechselfiebers mit Chinarinde damit erklärt fand, die in der Arznei enthaltenen Stoffe stärkten den Magen, probierte Hahnemann, um diese Behauptung zu überprüfen, das Mittel an sich selbst aus und kam zu einem ganz anderen Ergebnis: Nach der Einnahme einer nur kleinen Dosis traten bei ihm nacheinander alle Symptome auf, die er einst – nach seinem Studium, auf seiner ersten Stelle als Landarzt in Siebenbürgen – bei Wechselfieberpatienten beobachtet hatte.

Wie ein Besessener forschte er von nun an weiter, sechs Jahre lang in Selbstversuchen, ehe er mit seiner neuen Entdeckung an die Öffentlichkeit trat und sie 1796 in Hufelands Journal publizierte. Seine Gattin Henriette, ja, auch die Kinder mußten sich ihm damals für Arzneiprüfungszwecke zur Verfügung stellen, und peinlich genau wurde selbst die geringste Abweichung von ihrem gewöhnlichen Befinden notiert.

Zwei Jahrzehnte später, als Hahnemann längst „von dem gewöhnlichen Wege in der Heilkunst abgegangen war“, der therapeutische Grundsatz, daß Ahnliches mit Ähnlichem geheilt werden sollte, unerschütterlich für ihn feststand und sich als erfolgreich und sicher bei seinen Patienten bewährte; als die Leipziger Universität den „Martin Luther der Heilkunde“, wie er sich gern zu nennen pflegte, nach Lesung der Habilitationsschrift und gegen die Zahlung von fünfzig Thalern seit 1812 als Lehrer an der medizinischen Fakultät duldete, prüfte er in Arbeitsgemeinschaften mit seinen Studenten immer neue, teils für die Heilkunde noch unerschlossene arzneilich wirksame Stoffe. In seinem Verständnis nämlich gehörte die Arzneikunst zum Handwerkszeug des Arztes, dessen „höchster und einziger Beruf ist, kranke Menschen gesund zu machen, was man Heilen nennt.“ Ferner wurden die jungen Ärzte von Hahnemann sofort darin geübt, Arzneimitteldiagnosen zu stellen, sich also am Krankenbett ausschließlich an den konkreten Erscheinungsbildern zu orientieren und das in den Leidenssymptomen sich reflektierende Arzneibild zu erkennen. Denn an Krankheiten, so lehrte er sie, „ist nichts nachzuweisen als der Inbegriff ihrer Zeichen und Symptome“. Und er warnte seine Schüler – getreu den Idealen deutscher Aufklärung, die sein Vater, der Meißner Porzellanmaler Christian Gottfried Hahnemann ihm auf den Lebensweg mitgab – vor dem Dämon faustischer Vermessenheit, davor, den wohlweislich im Geheimen verborgenen Ursachen der Schöpfung nachzuspüren.

Auch ihn hatte dieser Dämon angefochten in jenen zehn entbehrungsreichen Jahren, in denen er, ringend um die Gewißheit seiner Erkenntnis von der Simile-Arznei, im Planwagen mit Frau und Kindern wie ein Zigeuner durch Deutschland hetzte. Sogar mit Narren hatte er sich beladen, gerungen mit den Wahngebilden Klockenbrings, eines Regierungsrats aus dem Hannoverschen, und den Gespenstern des Schriftstellers Johann Karl Wezel, der als rasender „Gott Wezel“ die übrigen Mieter im Hause auf der Kleinen Freiheit in Altona so verschreckte, daß der Wirt die Familie Hahnemann mitsamt dem Irren kurzerhand wieder auf die Straße setzte.

Nicht die schlimmsten seelischen Nöte jedoch, nicht die furchtbarste geistige Zerrütung, das hatte ihn die Behandlung dieser Wahnsinnigen gelehrt, ließen den Arzt „in das Innere sehen“. Immer tut sich das Wesen der Krankheit nur in den Erscheinungen jedes einzelnen Menschen kund. „Auch wenn wir die Eingeweide aufschneiden, so sehen wir blos das Aeußere dieser innern Fläche“, und mit widerwilligem Schauder erinnerte Hahnemann sich an jenes Jahr in Dresden, als er als Gerichtsarzt im Leichenschauhaus Todesursachen ergründen sollte. „Auch mit den besten Vergrößerungsgläsern kommt er (der Arzt) nicht weiter. Er sieht blos das Aeußere der Organe...; ins innere Wesen aber und in den Zusammenhang dringt sein irdisches Auge nie.“

Solche Behauptungen wurden von seinen Fakultätskollegen übel vermerkt. Denn Hahnemanns rein phänomenologische Krankheitslehre stand dem neuen Ehrgeiz der Schule völlig entgegen. Eifrig war ja seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert die ärztliche Wissenschaft darum bemüht, mit dem Fortschritt in Physik und Chemie Schritt zu halten, um auch hinter den Erscheinungen einer Krankheit deren verborgene Ursache dingfest zu machen. Mit großer Beredsamkeit jedenfalls wurden damals die buntschillerndsten Theorien darüber, was denn das Wesen der Krankheit sei, von den Kathedern in die Köpfe zukünftiger Ärzte gelesen. Nur am Krankenbett stand die Schar dieser Gelehrten stets vor dem wohl ältesten und schwierigsten Rätsel der Heilkunst: Welche Arznei könnte diesen Kranken von seinem Leiden befreien? „Es gibt jetzt“, so kommentierte Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) in seinem Journal recht trefflich die Situation, „Gegenden in Teutschland, wo kein Kranker mehr stirbt, ohne daß eine Partei laut schreit, die andere habe ihn totgeschlagen.“

Während der Typhus-Epidemie 1813 in der Umgebung von Leipzig war Hahnemann von seinen 180 homöopathisch behandelten Patienten nur einer gestorben, und er wurde fortan bei dem einfachen Volk als „Wunderdoktor“ verehrt.

Den Kollegen der Zunft aber galten Hahnemanns Heilerfolge nicht als Beweis für seinen ärztlichen Weitblick. Mit Mißgunst und Neid verfolgten sie ihn. Die schlimmsten Feinde seines Verfahrens fanden sich jedoch unter den Apothekern. Denn Doktor Hahnemann verschrieb nicht, wie es üblich war und sich gehörte, Rezepte, nach denen „die Salbenkocher“, wie er sie boshaft nannte, nun kräftige Mixturen zusammenbrauten. „Nach dem Weisheitsspruch: ‚daß es unrichtig sei, durch Vielfaches bewirken zu wollen, was durch Einfaches möglich ist‘, wird es dem wahren Heilkünstler nie einfallen, mehr als nur einen einfachen Arzneistoff auf einmal einzugeben.“ So bestellte er beim Apotheker höchstens mal eine einfache Substanz und das noch in lächerlich geringer Menge, woran bei Gott nichts zu verdienen war. Außerdem hatte dieser Doktor Hahnemann in aller Öffentlichkeit gegen das seit drei Jahrhunderten auch in deutschen Landen verbriefte Recht der Apotheker zur Dispensierung (also Herstellung) von Arzneien polemisiert. Als einen „Haufen Unwissender“ hatte er sie beschimpft, die, wenn sie die Stoffe auch kennen, doch keine Ahnung von ihren Wirkungen auf den Menschen hätten, in ihren Dispensatorien aber prahlerisch dem Arzte Empfehlungen gäben, welche Arznei bei welcher Krankheit hilfreich wäre. „Nun war der Heilkünstler fertig, wenn er nur ein solches Receptbuch bei der Hand hatte – für alle Krankheiten Recepte durch die Autorität der Landesobrigkeit sanctioniert!“

Solche Töne hören natürlich auch die Hüter von Recht und Ordnung im Staat nicht gern. Als die Apotheker nun, unterstützt von Hahnemanns Neidern, vor dem Leipziger Gericht um ihre Privilegien stritten, gewannen sie die Klage. Im Juni 1822 wurde dann, mit Polizeigewalt und unter dem Gejohle eines aufgehetzten Pöbels, der „beste Chemiker unter den damaligen Ärzten“, so Hufelands Urteil über Hahnemann, aus dem sächsischen Athen davongejagt. Aufnahme und das Recht, seine Arzneien selber herstellen zu dürfen, gewährte ihm Herzog Ferdinand, dessen Leibarzt er war, schließlich in Köthen.

In diesem Winter des Jahres 1834 stand Samuel Hahnemann in seinem 80. Lebensjahr. Und es war einsam geworden um den weithin berühmten Arzt. „Die Gefährtin meines Künstlerlebens“, so hatte er Frau Henriette genannt, ruhte seit 1830 schon auf dem Köthener Kirchhof. Achtundvierzig Jahre hatte sie ihm unter bedrückenden, teils entwürdigend elenden Verhältnissen treu zur Seite gestanden und zehn Kinder großgezogen. Nur zwei ledige Töchter, beide von etwas absonderlichem Gemüt, versorgten jetzt noch das Haus und gingen dem immer noch viel konsultierten Vater bisweilen in der Praxis zur Hand, und der Austausch mit Gleichgesinnten beschränkte sich weitgehend auf die Korrespondenz. Mit jenen aber, die sich zwar Homöopathen nannten, als „naturwissenschaftlich-kritische“ jedoch auch an seiner Lehre herumkritisierten und sie munter mit andern Methoden vermengten, lag Hahnemann in erbitterter Fehde. Im gemeinsamen Chor mit seinen allopathischen Widersachern verhöhnten nun die, die alles von ihm gelernt hatten, das von ihm entwickelte Arzneizubereitungsverfahren als das Hirngespinst eines alternden Greises.

Doch ehe in diesem Winter Einsamkeit und Gram den Berühmten und Geächteten verzehrten, hatte „der Allweise“, von dem Hahnemann sich und das Werk seines Lebens immer geführt wußte, ihm einen „wahrhaften Engel“ in das spießbürgerliche Köthen gesandt. Mochten auch wahre Schauergeschichten über das „emanzipierte Auftreten“ dieser Französin in Umlauf sein – „mit leiten und Schwimmen verbringt sie ihre Zeit, übt sich in Pistolenschießen und malt“ – für Samuel Hahnemann wird Mademoiselle Melanie unentbehrlich. Er bewundert nicht nur ihr Talent zur Malerei und ihre umfassende Bildung. Melanie ist jetzt, wie einst Zauberer Merlins Muse und Freundin Viviane, Hahnemanns engste Vertraute. Und nicht ohne Mißtrauen werden die beiden Töchter es geduldet haben, daß der Vater einer jungen Frau, Ausländerin und Katholikin dazu, sogar die Zubereitung seiner als „Nichtse“ verspotteten geistartigen Arzneimittel lehrte:

Ein Gran einer Arzneisubstanz wird mit der hundertfachen Menge Milchzucker drei Stunden lang in einem Mörser verrieben, alsdann von dem Pulver der hundertste Teil in hundert Tropfen eines Alkohol-Wasser-Gemischs gelöst und mit hundert kräftigen Schlägen verschüttelt. Dies nennt Hahnemann die 1. Dynamisierung oder Potenz. Hiervon wiederum nur ein Tropfen in der hundertfachen Menge Lösungsmittel verschüttelt, ergibt den nächsthöheren Potenzgrad. Um die, von ihm damals als besonders wirksam befundene 30. Potenz zu gewinnen, muß die gesamte Prozedur dreißigmal wiederholt werden. In seinen letzten Lebensjahren verfeinert er das Verfahren noch und verwendete – mit großem Heilerfolg – auch weit höhere Dynamisierungen.

Hatten da seine Widersacher nicht recht, wenn sie es als ein Wahngebilde verlachten, Kranke mit nichts als spiritus kurieren zu wollen? Nun, daß die Fläschchen einer 30. Potenz nur noch „Geist“ enthielten, das hat Hahnemann niemals bestritten. Doch, so behauptete er, handle es sich dabei um das Geistartige der Arzneisubstanz. Denn daß Heilungen durch eine Simile-Arznei nicht auf deren stofflichen Bestandteilen beruhen, sondern auf geistartigem Wege zustande kommen, das hatte ihn wiederum die genaue Beobachtung am Krankenbett gelehrt. Auf ein homöopathisch gewähltes Mittel reagierten die Patienten anfangs nämlich mit erheblichen Verschlimmerungen ihrer Symptome. Hatte Hahnemann aber die Arznei nach seiner Zubereitungsart gehörig oft bearbeitet, enthielt sie, vom Standpunkt des Chemikers aus betrachtet, kein Quentchen mehr an stofflicher Substanz, verlief die Heilung nicht nur sanfter, nein, sie erfolgte auch geschwinder. Es mußten da also unsichtbare, geistartige Kräfte am Wirken sein.

War nicht bereits vor mehr als zweitausend Jahren dem Meister von Kos, Hippokrates, auf den selbst Hahnemanns heftigste Gegner sich noch immer beriefen, das unsichtbare Fluidum des Lebens als pneuma bekannt gewesen? Von den dann im Mittelalter aufgekommenen platonischen Grübeleien über außersinnliche Kausalitäten und den scholastischen Trugschluß, daß das Pneuma ein über den Dingen schwebendes Wesen sei, wußte der aufgeklärte, nach rationaler Einsicht in die Wirklichkeit strebende Hahnemann sich sehr wohl zu distanzieren. In seinem Verständnis entfaltet das Leben sich in raum-zeitlichen Wirkungszusammenhängen, und als Heilkünstler stellte er in die Mitte dieser, an ihren Wirkphänomenen wahrnehmbaren Zusammenhänge den gesunden Menschen, worin „die geistartige, als Dynamis den Organismus belebende Lebenskraft unumschränkt“ waltet. Erkrankt der Mensch, ist nur seine Lebenskraft, und wie die Symptome zeigen, auf sehr spezifische Weise, verstimmt.

Materielle Krankheitsursachen läßt der so wirklichkeitsnahe Denker Hahnemann nicht gelten, obgleich ihm, zwar mit bloßem Auge nicht mehr sichtbare, Mikroorganismen sehr wohl bekannt waren. Vor ein paar Jahren erst, 1831, als es dank seiner Vorbeuge- und Heilmaßnahmen gelang, in Westeuropa die Choleraepidemie zu bannen, hatte er die Ansteckungsgefahr dieser Seuche auf „die feinsten Thiere niederer Ordnung (...), unsern Sinnen entfliehenden lebenden Wesen menschenmörderischer Art“ zurückgeführt und mit dieser, damals sehr kühnen Behauptung noch den letzten, ihm wohlgesonnenen Allopathen verprellt, den angesehenen Hufeland. Hahnemann aber ließ sich nicht beirren. Befallen werde, so schlußfolgerte er, der menschliche Organismus auch von solchen „feinsten Thieren niederer Ordnung“ nur dann, wenn er dazu disponiert, seine geistartige Dynamis bereits geschwächt sei. Treffen dann im Spiel der Lebenskräfte zwei einander ähnliche Potenzen zusammen, ein krankmachendes Agens und die Kraft der Arznei, löschen sie sich in ihren Wirkungen gegenseitig aus, der Grund, warum nur das Fluidum der Simile-Arznei genügt, um einen Kranken zu heilen.

Mit seiner, ganz und gar an den Wirkphänomenen der Wirklichkeit orientierten Haltung blieb der Freimaurer Hahnemann als Arzneiforscher dem Grundgedanken der alten Scheidekunst treu, dem Gedanken nämlich, daß die Erforschung von Naturvorgängen und der Beschaffenheit der Materie der Erkenntnis des Menschen und seiner Stellung in der Welt zu dienen habe. Allerdings folgte er den Alchimisten nicht auf dem Wege, ein Universalheilmittel ergründen zu können. Das nannte er schlicht „Quacksalberei“. Hahnemann erforschte nur Spezifika. Erst als es in Köthen um ihn einsam wurde, nannte er manchmal den Kranken ein universell wirksames Spezifikum, und diese wohl tiefgründigste Simile-Arznei des Menschen, die Liebe, empfahl er bevorzugt ledigen Patienten: „Heiraten Sie je eher je lieber, mein Herr! Die Ehe ist das allgemeine Specifikum des Körpers und des Geistes!“ Und als er sich am 18. Januar 1835 dieses Spezifikum selber verordnet, steht ganz Köthen kopf, und auch in homöopathischen Kreisen nimmt man die Nachricht fassungslos zur Kenntnis. Mit 80 Jahren geht der Herr Hofrat, den alle als äußerst besonnen kannten und der mit seiner Neigung zu patriarchalischer Familienidylle allen Extravaganzen stets abhold gewesen war, eine Ehe ein mit dieser 35 Jahre jungen, geradezu skandalös extravaganten Künstlerin.

Doch in den ihm noch verbliebenen acht Ehejahren hat Hahnemann nie einen Zweifel daran gelassen, daß er gegen seine Gattin Melanie „die vollkommenste Liebe empfindet und die sie mir in vollstem Maße erwidert“. Und glücklich wird er gewesen sein, daß ihm „der Allweise“ die Gunst noch gewährte, den zermürbenden Streitereien mit „Allopathen“, naturwissenschaftlich-kritischen „Bastardhomöopathen“ und den Bütteln kleinstaatlicher Landesherren entfliehen zu können, die seit dem Tode von Herzog Ferdinand wieder eifrigst darüber wachten, daß der Köthener Hofrat nur nicht zuviel selbsdispensiere und seine Arzeneien ja nicht zu hoch potenziere. Hahnemann wird dem Schicksal dankbar gewesen sein, daß er diesen ganzen kleingeistigen Mief endlich hinter sich lassen konnte.

Um zwanzig Jahre fühlt Hahnemann sich verjüngt, genießt die festlichen Pariser Abende in illustrer Gesellschaft und führt des Tags zusammen mit Madame Melanie eine Riesenpraxis in der Rue de Milan. Seine Frau beherrscht seine Heilkunst schließlich so ausgezeichnet, daß er bei der homöopathischen Akademie in Philadelphia 1842 ein ärztliches Diplom für sie erwirkt. „Sie heilt jetzt so gut als ich selbst.“ Daß er seiner Frau, das bescheinigte, statt ihr die, Extravaganzen auszutreiben, darüber haben sich nicht mehr nur Allopathen, darüber haben sich – öffentlich allerdings erst nach seinem Tode am 2. Juli 1843 – fast alle Herren der Medizinerwelt empört.

Im Februar 1847 wurde Melanie Hahnemann, welche Ironie des Schicksals, vom Dekan der medizinischen Fakultät in Paris verklagt – „wegen ungesetzlicher Ausübung der Medizin und Pharmazie“. Kein Homöopath fand sich bereit, sie zu verteidigen. Eifersucht und Neid, daß der Meister ihr, einer begabten Frau, sein wissenschaftliches Erbe zur treuen Verwaltung hinterließ, machten ihr dieses stolze Erbe zur Bürde. In Deutschland gar verhöhnte man die heilkünstlerische Fähigkeit Melanies auf so recht „naturwissenschaftlich-kritische“, also wenig geistartige Weise: „Allbekannt ist zwar“, stand in einer Leipziger Homoöpathenzeitung zu lesen, „daß Niemand lieber sich selbst in die ärztliche Behandlung mischt, als das zweite Geschlecht, namentlich alte Jungfrauen und alte Weiber.“ Samuel Hahnemann aber hatte seinem „Organon der Heilkunst“ als Motto vorangestellt: „Aude sapere“ – Wage zu schmecken; wage, weise zu sein.