Die neu entstehenden Finanzkonzerne wollen ihre Kunden mit einem umfassenden Angebot an sich binden

Es ist noch gar nicht solange her, daß sich Helmut Gies von Kollegen belächeln lassen mußte. Viele glaubten, der Chef der Aachener und Münchener Beteiligungsgesellschaft (AMB) übernehme sich beim Schmieden eines neuen Konzerns, der den Kunden möglichst alle Finanzdienstleistungen unter einem Dach anbieten soll – Versicherungspolicen, Bausparverträge, Kredite und Gehaltskonten.

Das war Mitte vergangenen Jahres, als der quirlige Rheinländer den Gewerkschaften die Aktienmehrheit an der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) abkaufte. Mittlerweile hat er sich zusätzlich noch ein gutes Viertel an der Hamburger Versicherungsgruppe Volksfürsorge (Vofü) gesichert. Und keiner belächelt ihn mehr. Vielmehr ziehen jetzt viele nach.

Das jüngste Beispiel ist die Beteiligung der Commerzbank an der Leonberger Bausparkasse. Mitte Dezember schließlich wird die Deutsche Bank dafür sorgen, daß sich das Karussell auf dem Markt für Finanzdienstleistungen weiter dreht. Dann nämlich verkündet Vorstandssprecher Alfred Herrhausen die Gründung einer Lebensversicherung. Das gilt in Bankkreisen als sicher.

Spätestens dann ist klar, daß die Zeiten endgültig vorbei sind, in denen keiner dem anderen ins Handwerk pfuschte. Jahrzehntelang galt nämlich ein ungeschriebenes Gesetz – eine Art Gewaltenteilung im Finanzgewerbe: Versicherungsgesellschaften nahmen ihrer Kundschaft die Unwägbarkeiten des Lebens ab, Banken und Sparkassen machten ihre Geschäfte als Vermögensverwalter und Kreditgeber, und die Bausparkassen kümmerten sich schließlich um den Traum vom eigenen Heim.

Daß die Vorstände der Banken in das Geschäft mit dem Risiko einsteigen, hat seinen guten Grund. Ihnen muß nämlich schon seit geraumer Zeit angst und bange werden beim Blick auf die Verteilung des Geldvermögens der Deutschen. Denn sie wissen nur zu gut, daß es letztlich darauf ankommt, wer den größten Teil der 2,4 Billionen Mark verwaltet und von den 130 Milliarden Mark, die Jahr für Jahr dazukommen, das meiste einheimst.

Die Versicherungen schneiden dabei seit geraumer Zeit immer besser ab. Der Bankenanteil indes sinkt gleichzeitig bedrohlich schnell. Dieser Erfolg der Assekuranz hängt vor allem damit zusammen, daß die Deutschen dem Staat die Lösung der Rentenfrage nicht mehr zutrauen und die Altersvortalanlage attraktiv erscheinen lassen.