Von Dirk Kurbjuweit

Nur noch eine Ruine der Südwand steht vom zwölften Stockwerk. Wieder streckt der Bagger seinen hydraulischen Arm aus, und eine riesige Zange krallt sich in den Beton. Weißer Staub wirbelt auf. Heftig zerrt der Bagger an der Wand, fester beißt die Zange zu. Der Beton bröckelt, stählerne Stangen springen heraus. Mit Getöse fällt die Wand.

Begonnen hatte es Anfang September. Ein Kran hievte zwei Bagger, jeder sechs Tonnen schwer, auf das Dach des Hochhauses über dem 18. Stock. Gierig fraßen sie eine Etage nach der anderen weg. Hatten die Bagger ein Stockwerk bis auf eine Arbeitsplattform zerstört, setzte sie der Kran eins tiefer, und wieder bissen die Zangen zu. Ein Schaufelbagger kehrte den Schutt zusammen, füllte ihn in Container, die dann am Kran abwärts schwebten. So schrumpfte das Haus von einst 56 auf rund 35 Meter, von achtzehn auf zwölf Stockwerke.

Fünf Etagen tiefer ist, zum Beispiel, Werner Gerhard * ständiger Ohrenzeuge. Mal rumpelt es, als würden die Mieter über ihm mit nicht ganz runden Kugeln kegeln. Mal nimmst es wie im Hammerwerk. Mal knirscht und knackt es, als bohre ein Zahnarzt tief im Weisheitszahn.

Drei Monate lang hat Werner Gerhard das nun ertragen. Täglich außer sonntags und von morgens sieben bis abends um sechs nagen die Bagger am Beton und an Werner Gerhards Nerven. Noch eine Woche, dann werden sie endlich Ruhe geben. Wenn auch das elfte Stockwerk weggefressen ist, wird etwas beendet sein, was bislang in der Bundesrepublik kein Beispiel hat. Ein Hochhaus – Kassel, Mönchebergstraße 50 – wird „rückgebaut“. Die oberen acht Etagen werden gekappt, während der Rest unversehrt bleibt. Das geht, außer dem Lärm, so schonend ab, daß die Mieter vom Erdgeschoß bis zum neunten Stock in ihren Wohnungen bleiben können.

Technisch ist das eine Meisterleistung. Doch steckt eine traurige Geschichte dahinter: die vom Scheitern eines Wohnkonzepts.

Am 1. Juni 1971 wurde feierlich der Grundstein für ein Wohnhochhaus in der Mönchebergstraße gelegt. 250 Wohnungen sollten hochgezogen werden, davon 201 Einzimmer-Appartements. Studenten der Gesamthochschule Kassel sollten hier einziehen sowie Ärzte und Krankenschwestern der nahegelegenen Städtischen Kliniken. Man glaubte damals, eine Hausgemeinschaft sei um so lebendiger, je mehr Menschen unter einem Dach wohnen. Der damalige Kasseler Stadtbaurat Heinz Petereit schwärmte 1972: „Hier wurde ein besonderer städtebaulicher Akzent gesetzt.“