Und damit hat sich’s mit der Jahrhunderte alten Debatte um die Sacra Sindone? Wertlos sind nun alle bisherigen Forschungen? Die Indizienketten, die so lückenlos zum Beweis führten, daß es der Nazarener war, der in diese Stoffbahn gehüllt worden war: alles Hirngespinste und Humbug? Die anatomischen Studien von Monsignore Ricci und die von dem amerikanischen Professor Francis Filas auf den Photographien entdeckten Münzen, die man – den Begräbnissitten im Palästina der Zeitwende entsprechend – dem Toten auf die Augen gelegt hatte, und die der Wissenschaftler anhand von vier klar erkennbaren griechischen Buchstaben eindeutig als Münzen identifizierte, die zwischen den Jahren 30 und 32 nach Christus im Heiligen Land im Umlauf waren – alles umsonst? Die Sacra Sindone nichts als eine Fälschung? So einfach macht es das fischgrätartig gewebte Leintuch im Turiner Dom denjenigen, die es schon immer als frommen Betrug betrachteten, denn auch wieder nicht.

Das Alter des Stoffes mag ja bestimmt sein. Ihre Geheimnisse aber hat die Sacra Sindone damit noch lange nicht preisgegeben. Wenn das Grabtuch eine Fälschung aus dem 14. Jahrhundert ist, dann muß es in dieser Epoche einen wahrlich göttlich begnadeten Fälscher, einen nach Ansicht des wissenschaftlichen Kurienberaters Luigi Gonella "noch Größeren als Leonardo da Vinci" gegeben haben. Die Umrisse auf dem Stoff, deren Existenz ja nun nicht zu leugnen ist und deren Identifizierung als menschliches Gesicht und Körper unbestreitbar nicht religiösem Wahn entsprungen ist – wie sind sie entstanden?

Daß es sich nicht um Malerei handelt, ist im Laufe der Jahre durch chemische Analysen immer wieder zweifelsfrei bewiesen worden. Ganz abgesehen davon, daß die Künstler des späten Mittelalters die komplizierten Maltechniken der Negativ-Projektion eines Körpers noch nicht beherrschten. Auch die Frage, wie es vor rund 600 Jahren gelungen sein könnte, dem scheinbar planen "Abdruck" auf dem Leinen dreidimensionale Informationen einzufügen, die erst im 20. Jahrhundert mit der Erfindung der Holographie entschlüsselbar wurden, bleibt ohne Antwort. Daß das Leintuch im Laufe seiner verworrenen Geschichte aus dem Heiligen Land über die Türkei nach Europa kam, mag durchaus zutreffen. Es war ja nicht zuletzt der schwunghafte und schließlich selbst von der Kirche heftig bekämpfte Handel mit "Original-Reliquien" aus Palästina, mit dem die Kreuzritter zumindest einen Teil ihrer erheblichen Kosten finanzierten. Von ihrem tatsächlichen Alter her muß man die Sacra Sindone also als Fälschung bezeichnen. Doch bleibt sie, den Gläubigen zum Trost, eine Fälschung voller Mysterien.

Die für die Echtheit des Grabtuchs zu zahlreichen C-14-Isotope sind sicherlich unumstößliche Beweise für diejenigen, die in der Verehrung von Reliquien und Heiligenbildchen schon immer nur romantischen und vom eigentlichen Kern des Glaubens nur ablenkenden Religionsschwindel gesehen haben. Diejenigen aber, die solche Sinnlichkeit brauchen und wollen, wird der Isotopen-Beweis nicht bekehren. Der fundamentale Wechsel von den – ach so menschlichen – Göttern etwa der griechischen Antike zum Monotheismus erst der Juden, dann der Christen und schließlich der Moslems bedeutete eine ungeheure, auch mit Leid verbundene Anstrengung. Dieser Sprung ist mit dem Verstand wohl auch bis heute nur teilweise nachvollziehbar. Denn bei aller Hochachtung vor der Phantasie und dem Erfindungsreichtum des Menschen bleibt seine Abstraktionsbereitschaft doch beschränkt. Er muß – und die Geschichte des bis zum handfesten Beweis glaubens-unfähigen Thomas zeigt es – seinen Glauben mit greifbaren Krücken abstützen. Schon die Idee des einen, wahren und allgegenwärtigen Gottes übersteigt das rationale Fassungsvermögen. Wie erst soll dann der auch noch als dreifaltige Entität gepriesene Christengott begriffen werden?

Eine "Manifestation der Zuneigung" nennt der katholische Wissenschaftler Gonella die Verehrung von Reliquien: "Ich glaube, wir alle haben einen solchen Gegenstand, der beispielsweise unserer Mutter gehörte und den wir aufheben." Der Mensch lebt nun einmal auf dieser Welt vornehmlich mit und von seinen Sinnen. Sehen, hören, fühlen und schmecken – wem diese andauernd sich verändernden Erfahrungen verwehrt sind, der lebt dieses irdische Leben kaum. Er vegetiert. Inbrünstige Verehrung wird vom Gläubigen verlangt. Und um dieselbe anzuregen, ist jedes Mittel – und eben auch jede Reliquie – gerechtfertigt. Wo das Verständnis von Unverständlichem gefragt ist, sind fromme Eselsbrücken durchaus legitim. "Daß jede Reliquie, welche der Verehrung ausgesetzt wird, echt sei, gehört nicht zur Glaubenslehre", war bereits im vergangenen Jahrhundert in einer kirchlichen Schrift zu lesen. Es gehe um nichts als Erinnerungsstücke.

Daß die C-14-Analyse jetzt dazu geführt hat, die Sacra Sindone di Torino aus der Liste der Reliquien streichen zu müssen, darf diejenigen, die bisher an ihre Echtheit glaubten, deshalb nicht weiter bekümmern. Nichts ist ihnen von der Wissenschaft genommen worden. Nicht nur, daß die Kirche weise genug war, das nun nicht mehr heilige Grabtuch an seinem Platz im Dom von Turin zu belassen. Die Sacra Sindone, hat Luigi Gonella auch im Namen von Kardinal Ballestrero gesagt, bleibe für alle, die daran glauben wollen, "eine große Ikone der Passion".