Von Volker Mauersberger

Madrid, im Dezember

Noch einmal zogen Tausende an diesem frostkalten, klaren Dezemberwochenende auf die Puerta del Sol. Dieser seit langem geplante "Marsch auf Madrid" sollte eine Siegesfeier werden, begleitet von lärmenden Sprechchören. Hinter einem großen Transparent, das sich fast über die gesamte Straßenbreite spannte, marschierte der Chef der sozialistischen Gewerkschaft UGT, Nicolas Redondo, und neben ihm der junge, immer ein wenig ernst dreinblickende Antonio Gutierrez von der kommunistischen Gewerkschaft Comisiones Obreras (CCOO). Der bullige Sozialist, wie immer im offenen Hemd, und der junge Kommunisten-Führer sind in den vergangenen Wochen zu einem fast unzertrennlichen Paar bei Aufmärschen, Kundgebungen und Pressekonferenzen geworden. Auch jetzt nickte der Jüngere beifällig, als der neben ihm gehende Redondo in eines der Rundfunkmikrophone sagte: "Die real existierende Linke in Spanien ist gestärkt – wir repräsentieren die öffentliche Moral dieses Landes."

Als der fast zwei Kilometer lange Zug durch die spanische Hauptstadt an der Puerta del Sol stehenblieb und fast 100 000 Menschen mit Fahnen und Transparenten ihren Führern noch einmal zuzujubeln begannen, kam erneut das Gefühl auf, diese Demonstranten hätten endlich einen großen, unsichtbaren Feind besiegt. "Socialismo – si, felipismo – no" stand auf einem Plakat. Eine kleine, aus Valencia angereiste Demonstranten-Gruppe präsentierte Regierungschef Felipe González, seinen Stellvertreter Alfonso Guerra und den Arbeitgeberpräsidenten Jose-Maria Cuevas als Puppen, naturgetreu aus Pappmaché. Später wurden die Figuren, von johlendem Spott begleitet, nach Art der valencianischen fallas an Ort und Stelle verbrannt.

Nicht allein dieses fast makaber wirkende Auto-dafe, sondern – mehr noch – die Jubelstimmung werfen die Frage auf, was in der vergangenen Woche passiert ist. Wo liegen die Gründe für jenes soziale Aufbegehren, zu dem sich bereits am Mittwoch, dem 14. Dezember, die arbeitende Bevölkerung in einem Generalstreik bekannte? Ist diese, fast ein wenig zu spektakulär angelegte Kraftprobe, die einem klaren Mißtrauensvotum gegen die sozialistische Regierung gleichkam, nicht bereits zum bösen Menetekel für Felipe González geworden?

Schon am Tage nach dem 14. Dezember, als von der Putzfrau über den Profifußballer, den Journalisten bis zum Museumswärter fast alle die Arbeit niederlegten und Spanien lähmten, hatte Regierungschef González in einer persönlichen Erklärung seine Niederlage akzeptiert. "Ich erkenne den politischen Erfolg des Generalstreiks an", hieß es in einem an alle in- und ausländischen Korrespondenten verteilten Schreiben; in dem ungewöhnlichen Kommuniqué fand sich sogar der Satz, daß der Regierung "ein schwerer politischer Schlag" zugefügt worden sei.

Der Generalstreik war ein tiefer Einschnitt in der spanischen Innenpolitik; die sozialistische Regierung hatte den solidarischen Protest von über acht Millionen Arbeitnehmern in fataler Weise unterschätzt, wahrscheinlich auch nicht an einen Erfolg geglaubt. Denn zum ersten Mal seit 1934 hat in Spanien eine Kraftprobe stattgefunden, die gegen das faschistische Franco-Regime immer wieder erfolglos probiert worden ist. Die nicht verhohlene Betroffenheit der Sozialisten González, Guerra, Múgica und Jorge Semprún entzündete sich immer wieder daran, daß ausgerechnet Kampfgefährten von einst dieses Mittel nicht gegen eine rechte Diktatur, sondern gegen eine demokratisch legitimierte, obendrein sozialistische Regierung eingesetzt haben. Zum vielstimmigen Lärm dieser Kraftprobe gehörte, daß der Gewerkschaftsboß Redondo öffentlich über jene alten Zeiten räsonierte, als er sich zusammen mit dem früheren Freund "Felipe" vor Francos Guardia Civil versteckte. Viele Zeitungen wärmten genüßlich jene Story auf, daß der Arbeiter-Anwalt Gonzalez einst jenen Antonio Gutierrez verteidigt hat, der 15 Jahre später seine disziplinierten CCOO gegen einen Regierungschef aufmarschieren ließ, der sich – aus linker Optik – konsequent nach rechts entwickelt hatte.