Kurz nach Johannas Ankunft in Weimar, im Oktober 1806, hatte er seine langjährige Geliebte Christiane Vulpius geheiratet und wollte seine Ehefrau nun in die Gesellschaft einführen. Doch wo fand sich der „passende Rahmen“ für dieses Unterfangen? Herzogin Luise nahm ostentativ von der Eheschließung keinerlei Notiz, Charlotte von Schiller war viel zu bigott, und Charlotte von Stein, die ehemalige Herzensfreundin, kam als Gastgeberin für dieses Ereignis nun sicherlich als letzte in Betracht. Die bürgerliche, unabhängige, für Goethe schwärmende Johanna Schopenhauer aber, zeigte keine konventionellen Vorurteile.

Ihrem Sohn Arthur berichtete sie am 24. Oktober 1806 über ihre erste Begegnung mit Christiane: „Ich empfing sie, als ob ich nicht wüßte, wer sie vorher gewesen wäre. Ich denke, wenn Goethe ihr seinen Namen gibt, können wir ihr wohl eine Tasse Tee geben. Ich sah deutlich, wie sehr mein Benehmen ihn freute. Es waren noch einige Damen bei mir, die erst formell und steif waren und hernach meinem Beispiel folgten. Goethe blieb fast zwei Stunden und war so gesprächig und freundlich, wie man ihn seit Jahren nicht gesehen hat... Als Fremden und Großstädterin traut er mir zu, daß ich die Frau so nehmen werde, als sie genommen werden muß. Sie war in der Tat sehr verlegen, aber ich half ihr bald durch.“

Goethe hat Johanna Schopenhauer ihr freundliches Betragen Christiane gegenüber nie vergessen; er besuchte regelmäßig ihren Zirkel und verlieh ihm den nötigen Glanz. Am 13. November 1806 traf man sich zum ersten Mal: „Wir trinken Tee, plaudern; neue Journale, Zeichnungen, Musikalien werden herbeigeschafft, besehen, belacht, gerühmt, wie es kommt. Alle, die was Neues haben, bringen es mit... Goethe sitzt an seinem Tischchen, zeichnet und spricht. Die junge Welt musiziert im Nebenzimmer; wer nicht Lust hat, hört nicht hin. So wird’s neune, und alles geht auseinander und nimmt sich vor, nächstens wiederzukommen.“

Jahrelang finden diese – äußerlich sehr anspruchslosen – Abende bei Johanna statt, und meist ist Goethe ihr Gast – Anziehungspunkt für all die anderen. Zwar spötteln bald einige Weimaraner über die langweiligen „Repräsentationstees der geschwätzigen Madame Schopenhauer“, machen sich auch über Johannas stetig zunehmende Leibesfülle lustig, doch aus ihren hämischen Bemerkungen spürt man den Neid. Denn nicht jedem begegnete Goethe so freundlich wie Johanna Schopenhauer, und in kaum einer Gesellschaft zeigte er sich so entspannt. Daß Johanna als charmante Gastgeberin gerne im Mittelpunkt stand und ihren gesellschaftlichen Erfolg genoß, kann man ihr kaum verdenken, denn erst in Weimar durfte sie, mittlerweile 39 Jahre alt, selbständig tun und lassen, was sie wollte. Denn bis 1805 hatte sie das übliche Leben einer Tochter aus gutem Hause geführt, die sich zunächst dem Vater, dann dem Ehemann unterzuordnen hatte.

Am 3. Juli 1766 wurde Johanna in Danzig geboren; ihr Vater, der reiche Kaufmann und Senator Heinrich Trosiener, ließ seine Tochter durch ausgewählte Hauslehrer und auf Privatschulen sorgfältig erziehen. So lernte sie sehr früh schreiben und lesen, beherrschte auch bald die polnische, französische und englische Sprache. Die Verwandtschaft zeigte sich besorgt über soviel Wissen bei einem Mädchen; das konnte die Heiratschancen erheblich mindern. Doch glücklicherweise zeigte Johanna keinerlei modernes Emanzipationsstreben, sondern blieb fest verhaftet in den Vorstellungen der Zeit: „Ich fing am Ende an, mich meiner Kenntnis der englischen Sprache zu schämen, und schlug deshalb einige Jahre später es standhaft aus, auch Griechisch zu lernen, so sehr ich es innerlich wünschte... Der Widerwille gegen den Gedanken, für ein gelehrtes Frauenzimmer zu gelten, lag schon damals wie eben noch jetzt in meiner jungen Seele...“

Und als sie dann, beeindruckt durch die Werke Angelika Kauffmanns, den Wunsch äußerte, Malerin zu werden, mußte Johanna erleben, daß sich auch dies – in der Anschauung ihrer Familie – für ein anständiges Frauenzimmer nicht schickte. „Die Art, wie diese meine Bitte aufgenommen wurde, war die erste bittere Erfahrung meines Lebens. Mein bei aller ihm eignen Heftigkeit dennoch gegen Unerfahrenheit und Unverstand seiner Kinder sonst so nachsichtiger Vater – ich erkannte ihn nicht wieder. Und noch jetzt... verweile ich ungern bei der Erinnerung, wie unbarmherzig er meinen kindisch-abgeschmackten Einfall, wie er ihn nannte, verlachte ... Welch ein Ungewitter brach ... über mich Arme los! Alle wären empört, daß ein zu ihrer Familie gehörendes Kind auf den erniedrigenden Gedanken hatte verfallen können, gewissermaßen ein Handwerk treiben zu wollen.“

Nach dieser – für alle Beteiligten – unangenehmen Erfahrung fiel Johanna nicht mehr nachteilig auf. Wie es sich gehörte, wurde sehr bald geheiratet, und zwar mit 18 Jahren den zwanzig Jahre älteren Kaufmann Heinrich Floris Schopenhauer: „... ich durfte stolz darauf sein, diesem Manne anzugehören, und war es auch. Glühende Liebe heuchelte ich ihm ebensowenig, als er Anspruch darauf machte, aber wir fühlten beide, wie er mit jedem Tag mir werter wurde.“