Von Wolfgang Zank

Es war mittlerweile 16.30 Uhr, die Finsternis nahezu total. Die Scharnhorst befand sich mit hoher Fahrt auf dem Rückmarsch in Richtung Alta-Fjord. Vor etwa vier Stunden hatte Konteradmiral Erich Bey den Versuch abbrechen müssen, an den englischen Konvoi JW-55B heranzukommen. Der alliierte Geleitzug war mit neunzehn Schiffen auf dem Weg nach Murmansk, mit Waffen und Versorgungsgütern für die Sowjetunion. Hier, vor dem Nordkap, hatte man gehofft, ihn abfangen zu können. Aber bei der Aktion war Diverses schiefgelaufen.

Es fing damit an, daß die fünf Zerstörer, welche das Schlachtschiff Scharnhorst begleiten sollten, bei der schweren See nicht mithalten konnten. Immer wieder zeigte es sich, daß die deutschen Zerstörer viel weniger seetüchtig waren als ihre britischen Gegner. Bey hatte sich also notgedrungen entschlossen, allein mit der Scharnhorst anzugreifen. Aber ohne Zerstörerdeckung war der Schlachtkreuzer in der Finsternis der Polarnacht extrem verwundbar.

Zweimal war die Scharnhorst im Laufe des Tages an britische Kreuzer geraten. Die Briten konnten offensichtlich auch bei völliger Dunkelheit nach den Entfernungsangaben ihrer Radargeräte feuern – eine böse Überraschung für Bey. Erneut stellte sich heraus, daß England in der Ortungstechnik weit voraus war. Beys Kanoniere mußten optisch zielen. Damit konnten die neun 28cm-Geschütze der Scharnhorst nur in der diffusen Dämmerung um die Mittagszeit einigermaßen wirkungsvoll eingesetzt werden. Als Bey beim zweiten Gefecht auch noch (irrtümlich) den Eindruck bekam,.er werde von einer schweren Einheit beschossen, gab er den Befehl zum Rückmarsch. Seine Instruktionen schrieben das vor. Der Geleitzug war ohnehin außer Reichweite, und die kurze, matte Helligkeitsperiode näherte sich rasch wieder ihrem Ende.

Jetzt, auf ihrem Rückmarsch in völliger Dunkelheit, war die Scharnhorst nahezu blind. Der Schlachtkreuzer verfügte zwar über zwei Funkmeßgeräte, aber die Apparate waren ungleich schwächer als die britischen Radargeräte. Außerdem hatte eine Granate das größere Gerät in der Vormars-Drehhaube zerstört, und um sich durch die Strahlung nicht selber zu verraten, hatte Bey das achtere Gerät gar nicht erst einschalten lassen. Die Ausguckposten strengten sich also an, die böige, diesige Polarnacht mit ihren Nachtgläsern zu durchdringen. Aber es war nichts auszumachen.

Was Bey nicht wußte: Außer Sichtweite, aber innerhalb der Radarreichweite folgte ihm Vizeadmiral Burnett mit den Kreuzern Belfast und Norfolk und vier Zerstörern. Über Funk gab Burnett laufend präzise Angaben über Position und Kurs des deutschen Schlachtkreuzers weiter. Und von Südwest näherte sich mit voller Fahrt die „Force 2“ unter Admiral Bruce Fraser, dem Befehlshaber der „Home Fleet“. Dieser Kampfverband 2 bestand aus vier Zerstörern, dem schweren Kreuzer Jamaica und dem modernen, 35 000 Tonnen schweren Schlachtschiff Duke of York. Gegenüber den zehn radargesteuerten 35,6cm-Geschützen der Duke of York war die Scharnhorst chancenlos.

Um 16.1-7 Uhr bekam die Duke of York Radarkontakt. Von Minute zu Minute konnten die Briten an ihren Radarschirmen verfolgen, wie die Entfernung abnahm. Fraser hatte sich entschlossen, bis auf 12 000 Yards (rund 11 Kilometer) heranzugehen.

Um 16.50 Uhr zerplatzten plötzlich zwei Leuchtgranaten über der Scharnhorst. Das deutsche Schiff wurde sofort in erbarmungslose Helligkeit getaucht. Der silbergraue Schiffskörper mit seinen eleganten Proportionen bot sich den Briten, wie ein Zerstöreroffizier später schrieb, für einen kurzen Augenblick als ein Anblick von faszinierender Schönheit. Unmittelbar darauf schlug die erste Salve der Duke of York neben und in dem Schiff ein. Bereits aus der allerersten Salve traf eine Granate steuerbords am Bug und setzte den vorderen Geschützturm außer Gefecht. Eine Minute später folgte ein Treffer im Achterdeck.

Die Deutschen waren völlig überrascht, und es dauerte mehrere Minuten, bis sie das Feuer erwiderten. Bey ließ in voller Fahrt nach Norden abdrehen – nur, um Burnetts Kreuzern vor die Rohre zu laufen. Bey befahl erneut Kurswechsel, und die Scharnhorst lief in Höchstfahrt nach Osten, wo der britische Ring eine Lücke aufwies. Über dem nun im Dauerfeuer mehrerer britischer Einheiten liegenden Schiff zerplatzte ein ununterbrochener Strom von Leuchtgranaten.

Mit wohl etwas widerwilliger Bewunderung mußte Fraser registrieren, daß der deutsche Schlachtkreuzer nach wie vor mehr als 30 Knoten lief. Erneut zeigte sich, daß die Deutschen erstaunlich zähe Schiffe bauen konnten. Der Abstand zur Duke of York nahm wieder zu. Auch die britischen Zerstörer kamen in der schweren See ihrem Opfer kaum näher. Doch um 18.20 Uhr erzielten die Kanoniere der Duke of York den Treffer, der das Schicksal der Scharnhorst besiegelte. Abrupt fiel ihre Geschwindigkeit auf 20 Knoten.

Kurz darauf gab Bey seinen letzten Funkspruch ab: „An den Führer: Wir kämpfen bis zur letzten Granate.“

Eine halbe Stunde später preschten die beiden Zerstörer Savage und Saumarez von Backbord achteraus heran. Gleichzeitig setzten Scorpion und der norwegische Stord von Steuerbord zum Angriff an. Die beiden letzten wurden in der Dunkelheit erst im allerletzten Augenblick bemerkt. Die Scharnhorst machte ein scharfes Ausweichmanöver – und bot damit der ersten Gruppe ihre Breitseite. Mindestens vier Torpedos trafen. Die Geschwindigkeit fiel ein weiteres Mal.

Eine Stunde später war alles vorbei. Die Scharnhorst hatte bis dahin mindestens dreizehn Treffer von der Duke of York erhalten, etwa ein Dutzend Granaten von den Kreuzern und wahrscheinlich elf Torpedos. Der Schlachtkreuzer feuerte schon lange nicht mehr, machte kaum noch Fahrt und war in eine dichte Rauchwolke eingehüllt, aus der den Briten ein dumpfer Feuerschein entgegenleuchtete. Gegen 19.45 Uhr kenterte das Schiff und sank mit dem Bug zuerst. Die drei Schrauben drehten sich, hoch aus dem Wasser ragend, noch weiter, bis auch das Heck verschwunden war.

„Im Wasser suchten nun die Soldaten die Flöße zu bekommen“, berichtete der Marinegefreite Günter Sträter. „Diejenigen, die auf den Flößen Platz fanden, sangen beide Strophen des Liedes: ‚Auf einem Seemannsgrab, da blühen keine Rosen.‘ Hilferufe habe ich nicht gehört. Es spielte sich alles ganz exakt und ohne Panik ab.“

Tausendneunhundertzweiunddreißig Mann, darunter Bey und alle Offiziere, gingen mit dem Schiff unter. Nur 36 Mann wurden gerettet.

Seeoffiziere beider Seiten und zahlreiche Historiker haben sich seitdem immer wieder gefragt: Wie konnte es geschehen, daß die Scharnhorst bei völlig unklarer Feindlage, ohne Zerstörerdeckung und fast blind gegen einen zahlenmäßig, ortungstechnisch und seemännisch weit überlegenen Gegner hinaus in die Polarnacht geschickt wurde?

Ein wichtiges Datum in dem längeren Prozeß, der zur Katastrophe führte, war der 6. Januar 1943. An diesem Tag mußte sich Großadmiral Erich Raeder, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ einen anderthalbstündigen „Vortrag“ seines Führers über die deutsche Kriegsmarine in Geschichte und Gegenwart anhören. „Als bedeutungsvollste Waffe sei im Weltkriege“ – also im Ersten – „wie heute die U-Bootwaffe anzusehen“, protokollierte Raeder den Monolog Hitlers. „Die Rolle der Hochseeflotte war im Weltkriege ohne Bedeutung ... Ein großes Kapital an Kampfkraft habe daher brachgelegen, während das Heer dauernd schwer kämpfte. Die Revolution und Scapa Flow seien kein Ruhmesblatt der Marine ... In der gegenwärtigen schwierigen Lage, in der jede Waffe und jede Kampfkraft an Personal und Material eingesetzt werden müsse, könnten die großen Schiffe nicht monatelang ohne Verwendungszweck im Hafen liegen. Bei ihrer Verwendung seien stets starke Luftstreitkräfte nötig zur Sicherung, ebenso zahlreiche leichte Seestreitkräfte.“

Kurz und gut, Hitler hatte den „unabänderlichen“ Beschluß gefaßt, die Großkampfschiffe zu verschrotten und deren schwere Artillerie an Land aufzustellen. Raeder möge ihm einen Plan mit den nötigen Details ausarbeiten lassen.

Der Großadmiral bat daraufhin um ein Gespräch unter vier Augen. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, verließ den Raum. Raeder erklärte daraufhin, daß er sich nach dem, was der Führer soeben über den Geist der Marine gesagt habe, nicht mehr für geeignet hielte, weiter als Oberbefehlshaber Dienst zu tun. Hitler versuchte abzuschwächen, aber Raeder ließ sich nicht mehr umstimmen.

Es war symptomatisch, daß gerade der Verschrottungsbefehl für die Großkampfschiffe zu Raeders Demission führte; der Großadmiral hatte ansonsten in den Jahren zuvor so manches geschluckt. Aber die Schlachtschiffe waren für Raeder und die Marineführung mehr als nur Waffensysteme: Sie symbolisierten die Marine und Deutschlands Stärke schlechthin.

Raeder, der 1894 bei der kaiserlichen Marine angemustert hatte, war in seinem Denken tief durch Alfred von Tirpitz geprägt worden, den Schöpfer der deutschen Flotte, der durch den jungen Kaiser ermuntert wurde. Vor genau hundert Jahren schon sah Wilhelm II. Deutschlands Zukunft auf dem Wasser. Nur eine starke Schlachtflotte mit schweren Linienschiffen als Kern, so Tirpitz’ Credo, konnte die Seeherrschaft bringen. Alternativen wie Kreuzer oder später U-Boote konnten den Gegner bestenfalls konfus machen, aber niemals wirklich in die Niederlage treiben.

Eine Beschränkung auf Küstenverteidigung in der Deutschen Bucht und Sicherung der Ostsee kam für Tirpitz nie in Frage. Das Kaiserreich war, so seine Analyse, im Inneren durch Arbeiterbewegung und Demokratie bedroht und im Äußeren durch Exportprobleme und Grenzen eingeengt. Das Heil lag für ihn in der Expansion Deutschlands. Eine starke Flotte war dabei das geeignete Mittel, um die Tür zu Absatzmärkten und Kolonien aufzudrücken. Auch innenpolitisch war der Flottenbau heilsam, wie der Admiral vertraulich notierte, „weil in der großen nationalen Aufgabe und dem damit verbundenen Wirtschaftsgewinn ein starkes Palliativ gegen gebildete und ungebildete Sozialdemokraten liegt“.

Außerdem mußte der Griff nach dem Weltmeer in Tirpitz’ Augen einen weiteren unschätzbaren Vorteil haben: Die Marineleitung rückte automatisch in der Hierarchie der kaiserlichen Institutionen nach oben; im Idealfall würde die Marine zur wichtigsten Waffengattung überhaupt. Beschränkte man sich aber auf Defensive und Kreuzerkrieg, dann blieb sie auf ewig im Schatten des Heeres.

Die Tirpitzsche Politik litt unter einem fundamentalem Dilemma: Das Kaiserreich war zu schwach, sowohl eine starke Armee als auch eine starke Flotte zu unterhalten. Die Hochseeflotte war schließlich stark genug, um England ins Lager der Gegner zu treiben, aber viel zu schwach, um die britische Seeherrschaft auch nur ansatzweise gefährden zu können. Im Ersten Weltkrieg lag die Hochseeflotte fast die ganze Zeit untätig im Hafen. Am Ende standen die Meuterei und die Selbstversenkung im schottischen Marinehafen Scapa Flow, wo die deutschen Kriegsschiffe nach dem Waffenstillstand interniert worden waren.

„Nicht klagen, noch einmal wagen“, so lautete das Motto auf dem 1923 eingeweihten Marine-Denkmal in Mürwik bei Flensburg. Für die Umsetzung des Spruches war seit 1928 Erich Raeder zuständig. Wie Tirpitz setzte Raeder auf eine starke Überwasserflotte mit Großkampfschiffen als Kern; Kreuzer oder U-Boote waren auch für ihn nur Notbehelf. Nach 1933 konnte sich Raeder entfalten. Panzerschiffe, Schlachtkreuzer, Schlachtschiffe, Flugzeugträger: Wie bei Tirpitz wurden die Schiffe immer größer, die Projekte immer ambitiöser. Die Megalomanie kulminierte im Januar 1939 im „Z-Plan“. Er sah bis 1946 eine Armada von (unter anderem) acht Flugzeugträgern, zehn Schlachtschiffen, fünfzehn Panzerschiffen, fünf Schweren und 24 Leichten Kreuzern vor.

Hitler, von Haus aus kein Marine-Enthusiast, ließ seinen Admiral gewähren. Als Politiker wußte er natürlich von der Faszination, welche von den Schlachtschiffen ausging. Bei jedem Stapellauf war er dabei, um ein neues Symbol großdeutscher Weltgeltung in See zu setzen. Am 3. Oktober 1936 sprach er in Wilhelmshaven beim Stapellauf der Scharnhorst.

Auch die meisten Marineoffiziere waren dem Schlachtschiff-Mythos erlegen. Vizeadmiral Günther Guse erklärte im September 1938, unter ihnen bestehe Einigkeit, daß man „schwerste Schiffe“ brauche; wofür man sie brauche, bedürfe noch einer späteren Klärung. Guse war als Leiter des Marinekommandoamtes einer der wichtigsten Fürsprecher des Marineausbaus.

Im September 1939 herrschte bei der Marineführung Katerstimmung. Hitler hatte den Krieg mindestens fünf Jahre zu früh angefangen, die Marine war noch ein Torso. In dieser Lage konnte man praktisch nur U-Boote einsetzen, und die hatte man kaum gebaut. In einem Anflug von Resignation schrieb Raeder, daß die Überwasserstreitkräfte „nur zeigen können, daß sie mit Anstand zu sterben verstehen und damit die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau zu schaffen gewillt sind“.

Eines hatte Raeder im Ersten Weltkrieg gelernt: Auch eine unterlegene Flotte darf nicht längere Zeit im Hafen liegen. Ansonsten erleidet die ganze Marine einen kaum zu überwindenden Prestigeverlust. Und das heißt unter anderem: Sie kriegt kaum noch Geld. Außerdem kann die Untätigkeit zum Nährboden einer Meuterei werden. Also schickte Raeder seine schweren Einheiten immer wieder hinaus in den Atlantik. Die Versenkungserfolge waren bescheiden, die seestrategische Auswirkung blieb gering.

Skeptischen Untergebenen tat Raeder seine Haltung im Mai 1940 in einem Erlaß kund: „Eine Kriegsmarine, welche in kühnem Einsatz gegen den Feind geführt wird und hierbei Verluste erleidet, wird nach dem Sieg in vergrößertem Umfang wieder erstehen, hat sich dieser Einsatz aber nicht gefunden, so wird ihre Existenz auch nach dem gewonnenen Kriege bedroht sein.“

Am 27. Mai 1941 wurde das Schlachtschiff Bismarck auf seiner ersten Feindfahrt im Atlantik von weit überlegenen britischen Seestreitkräften versenkt. Raeder gab noch lange nicht auf. Aber alle weiteren Pläne wurden nun bereits im Ansatz vereitelt. Am 11. Juni erhielt das Panzerschiff Lützow schon beim Anmarsch im Skagerrak einen Lufttorpedotreffer und mußte umkehren. Drei Wochen später wurde der Schwere Kreuzer Prinz Eugen im Hafen von Brest durch Fliegerbomben schwer beschädigt, und am 24. Juli erhielt die Scharnhorst in der Biskaya fünf Bombentreffer, als sie sich nach einer Reparatur auf eine Probefahrt hinaustraute. Sie mußte zurück ins Dock nach Brest. Daneben lag noch das bei einem Bombenangriff im April schwer beschädigte Schwesterschiff Gneisenau.

Zwischenzeitlich rollten die Engländer im Atlantik das schwimmende Versorgungssystem der Überwassereinheiten auf; ihre Überwachung wurde immer lückenloser; und bei der deutschen Kriegsmarine begann sich ein katastrophaler Ölmangel bemerkbar zu machen. Es gab keine realistischen Einsatzmöglichkeiten mehr. Vizeadmiral Werner Fuchs, der Leiter des Hauptamtes für Kriegsschiffbau, schlug vor, die beschädigte Scharnhorst außer Dienst zu stellen, um Arbeitskräfte und Werftkapazität für den U-Bootbau freizuhalten. Andere hohe Marineoffiziere forderten bald danach Ähnliches. Raeder lehnte kategorisch ab.

Im Dezember 1941 befahl Hitler schließlich die Verlegung der Kernflotte nach Norwegen. Die Schiffe sollten dort zur Invasionsabwehr bereitstehen. Glücklich und glimpflich schafften sie – auch die Scharnhorst – im Februar 1942 den Durchbruch durch den Ärmelkanal. Doch Anfang 1943 hatte Hitler von dem beträchtlichen Instandhaltungs- und Sicherungsaufwand genug.

Neuer Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und Großadmiral wurde Karl Dönitz, der Befehlshaber der Unterseeboote. Als U-Bootmann war Dönitz natürlich vorher mehrmals mit Raeder aneinandergeraten. Aber auch in Dönitz’ Augen war der Verschrottungsbefehl eine irreparable Blamage für die Marine als Ganzes, eine höchstoffizielle Bescheinigung für groteske Fehlplanungen und grandiose Ressourcenverschwendung.

Dönitz hatte ein starkes Argument für die Beibehaltung der Großkampfschiffe: Auch wenn sie untätig in den Fjorden lagen, banden sie beträchtliche gegnerische Streitkräfte. Anderseits konnte der neue Großadmiral kaum damit rechnen, Hitler umzustimmen, sofern er ihm auch für die Zukunft nur eine immobile Flotte in nordischen Fjorden ausmalen konnte. Einsatzmöglichkeiten mußten her. Seine Idee: Das bereits im Norden liegende Schlachtschiff Tirpitz und das Panzerschiff Lützow durch die Scharnhorst zu verstärken und dann mit geballter Kraft gegen einen Murmansk-Konvoi zuzuschlagen.

Hitler blieb skeptisch, ließ sich dann aber doch in der Besprechung am 26. Februar breitschlagen. Er fragte Dönitz, in welcher Zeitspanne er denn eine Einsatzmöglichkeit sehe. „Binnen der nächsten drei Monate“, meinte der Großadmiral. Hitler antwortete, laut Protokoll: „Wenn es auch sechs Monate sein sollten, Sie werden dann zu mir kommen und einsehen, daß ich recht gehabt habe.“

Die beiden Männer hatten also „eine Art Wette abgeschlossen“, so Historiker Michael Salewski. Der eine brauchte bloß abzuwarten, der andere mußte sich etwas einfallen lassen.

Die Sommermonate vergingen, ohne daß die Engländer einen einzigen Geleitzug nach Murmansk schickten. Bei permanenter Helligkeit war ihnen das zu riskant. Im Herbst mußte die Lützow in die Werft, und die Tirpitz wurde bei einem Mini-U-Bootangriff schwer beschädigt. Nur die Scharnhorst und einige Zerstörer lagen noch einsatzbereit im Alta-Fjord, nicht weit entfernt vom Nordkap. Der klägliche Ausbildungsstand sank wegen Untätigkeit und Ölmangels immer weiter ab.

Im September konnte Admiral Oskar Kummetz, der Befehlshaber der Kampfgruppe, einen längeren Genesungsurlaub antreten. Sein Nachfolger wurde Konteradmiral Erich Bey, bis dahin Führer der Zerstörer. Seit seiner Kadettenzeit hatte Bey nicht mehr auf einem Schlachtschiff Dienst getan. Von schwerer Artillerie verstand er nichts. Auch der Stab der Kampfgruppe wurde ausgedünnt. Offenbar rechnete man in der Seekriegsleitung nicht mehr mit einem Einsatz.

Den Richtlinien der Seekriegsleitung zufolge kam ein Auslaufen der Schlachtschiffe nur im Sommer in Frage; die schwere Artillerie konnte schließlich nur bei Tageslicht wirkungsvoll eingesetzt werden. Aber am 20. November 1943 erließ Dönitz eine neue Weisung: „Der Einsatz von Schamhorst kann auch im Polarwinter in Frage kommen.“ Und im Dezember erklärte er: „Ist Gelegenheit für die Kampfgruppe gegeben, zu schlagen, so werde ich unter allen Umständen mit dieser Kampfgruppe an den Gegner gehen.“

Am 22. Dezember sichtete ein deutsches Wetterflugzeug zufällig einen Geleitzug. Das Wetter verschlechterte sich rapide, und der Kontakt ging in den nächsten Tagen immer wieder verloren. Von lückenloser Luftaufklärung des Seegebietes konnte keine Rede sein. In Berlin gab man sich damit zufrieden, daß keine überlegenen britischen Einheiten gemeldet wurden. Motto: Was nicht gemeldet wird, ist auch nicht da.

Am 25. Dezember 1943, am ersten Weihnachtstag, erging der Befehl zum Auslaufen. Laut Plan sollte die Scharnhorst am nächsten Tag gegen Mittag, unter Ausnutzung der kurzen Zeitspanne mit etwas Tageslicht, den Konvoi angreifen. Fünf Zerstörer sollten den Schlachtkreuzer decken.

Bey war, wie praktisch alle Kommandoinstanzen unterhalb der Seekriegsleitung, zutiefst skeptisch. Noch im Fjord ließ er funken: „Im Operationsgebiet voraussichtlich Süd-West, 6-9. Waffenverwendung Zerstörer stark beeinträchtigt. Fahrtbeschränkung.“ In Berlin machte dieser Hinweis, daß damit eine weitere Voraussetzung für das Unternehmen hinfällig geworden war, keinen Eindruck. Statt dessen erhielt Bey nähere Instruktionen für den Angriff. Der Funkspruch schloß mit den Worten: „Ich glaube an Euern Angriffsgeist. Heil und Sieg. Dönitz, Großadmiral.“

Die britische Admiralität war mittlerweile informiert. Ihr Nachrichtendienst konnte die meisten deutschen Funksprüche entschlüsseln. Um 3.39 Uhr in der Frühe des 26. Dezember wußte Admiral Fraser auf seinem Flaggschiff, daß die Scharnhorst in See war.