Von Heinz Blüthmann

In dem monumentalen Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ macht Hauptdarsteller Henry Fonda einen seiner Leute fertig, der seine Hose auf doppelte Weise gegen Herabrutschen gesichert hat – mit einem Gürtel und einem Paar Hosenträger. Fondas Text: „Soll ich einem Mann trauen, der sich einen Gürtel umschnallt und außerdem Hosenträger trägt?“

An diese Filmszene erinnert ein Showdown, der gerade in Stuttgart läuft. Der Mann mit Gürtel und Hosenträger, der beiden ebenso mißtraut wie Kollegen und Mitarbeitern, heißt Helmut Lohr, seit zwölf Jahren Vorstandsvorsitzender des Telephon- und Elektrounternehmens SEL. Lohrs Tage auf dem Chefsessel in Stuttgart sind gezählt, denn ihm ist das Vertrauen von Pierre Suard abhanden gekommen. Suard ist Chef des französischen Elektroriesen Compagnie Generale d’Electricite (CGE) und deren Telephontochter Alcatel, die SEL 1986 vom amerikanischen Mischkonzern ITT übernommen hat. Suard will Lohr loswerden, weil er nicht viel von ihm hält.

Lohrs Abgang ist denn auch längst beschlossene Sache – aber auf die elegante französische Art. Doch damit ist jemand von Lohrs Kollegen aus dem SEL-Vorstand, so lautet die meist erzählte Version im Unternehmen, offenbar nicht einverstanden gewesen und hat der Staatsanwaltschaft einen Tip gegeben. Wenn es so war, fiel der Hinweis auf fruchtbaren Boden: Mitte Dezember erschienen mit jeweils zwanzig Mann und einem Durchsuchungsbefehl der Staatsanwaltschaft Stuttgart Beamte der Steuerfahndung in der Chefetage der SEL und gleichzeitig in Lohrs Privatvilla in Vaihingen. Die Ermittler forschten nach Papieren, die den „Verdacht der Untreue zum Nachteil der SEL“ sowie der „privaten Steuerhinterziehung“ (so die richterliche Durchsuchungsanordnung) belegen sollen.

Die Beamtentrupps interessierten vor allem Unterlagen über Zahlungen der SEL in Millionenhöhe für allerlei „Schönheitsreparaturen“, wie es in der Buchhaltung des Konzerns heißt, Einbauten und sonstige Rechnungen, die Lohrs private Behausungen in Vaihingen und auf Mallorca betreffen.

Lohr reagierte ungeschickt. „Ich bin empört über die Anschuldigungen“, murrte er und sprach zugleich von einem „Uralt-Vorgang“ und gab sich überzeugt: „Das ist alles Denunziation.“ Damit war der Verdacht eher bestärkt, hier habe sich ein Spitzenmanager mal wieder bei „seinem“ Unternehmen bedient, habe die private Lebensführung zu eng mit der Führung des Konzerns verquickt.

Tatsächlich beschäftigte das Thema bereits vor mehr als zwei Jahren den SEL-Aufsichtsrat. Überrascht mußten die Kontrolleure damals feststellen, daß Lohr einen überaus großzügigen Anstellungsvertrag besaß. Weil der Vorstandschef und noch mehr seine Ehefrau Franziska zu Hause gern hofhielten und möglichst viele Gäste mit Rang und Namen bewirteten, hatte er sich einen besonderen Passus in den Vertrag schreiben lassen. Danach durfte Lohr nicht nur Champagner und Tennobrötchen der SEL in Rechnung stellen, sondern auch Renovierungsarbeiten an seiner Villa abrechnen – ohne Limit. Als die Aufsichtsräte addierten, kamen sie in dieser Rubrik auf 1,8 Millionen Mark, die innerhalb von zehn Jahren an den Chef des Unternehmens geflossen waren – zusätzlich zum Jahresgehalt von einer runden Million Mark. Da einiges auf das Konto Sicherheit zu buchen war, ging es am Ende um Schönheitsreparaturen von deutlich mehr als einer Million Mark – zuviel, wie die Aufsichtsräte befanden.

Der seinerzeit als Vorsitzender des Aufsichtsrats fungierende Johannes C. Welbergen, zuvor Chef der Deutschen Shell, regelte die Angelegenheit mit Lohr großzügig. Zwar ließ er alle Zahlungen von der internen Revision und außerdem durch die Wirtschaftsprüfungsfirma Deutsche Warentreuhand offiziell untersuchen, hielt aber deren Berichte unter Verschluß und gab selbst den Kollegen im SEL-Aufsichtsrat nur kursorisch die Resultate der Recherche bekannt. Einige Rechnungen, die von SEL beglichen waren, übernahm nun Lohr. Zudem wurde fortan das Verschönerungsbudget fürs Vaihinger Eigenheim auf jährlich 25 000 Mark begrenzt. Doch damit war das Thema noch nicht durch.

Die Lohrs, die so gern repräsentieren, hatten sich mittlerweile auch auf Mallorca niedergelassen – in einer Villa mit zwölf Schlafzimmern und vergoldeten Wasserhähnen. Da passierte es dann schon mal, daß nicht nur die Rechnung für die Alarmanlage, sondern auch für die Badewanne in der SEL-Buchhaltung landete.

Die Nutzung des SEL-Potentials in jeglicher Weise hatte die Lohr-Gattin Franziska zu einer lieben Gewohnheit werden lassen. Waren Fliesen im Eigenheim auf Mallorca zu verlegen, wurde ein Betriebshandwerker eingeflogen. Sagte Frau Lohr das Muster nicht zu, reiste der Mann unverrichteter Dinge wieder heim.

Franziska Lohr, die stets unübersehbar auftritt, spricht über den SEL-Konzern und seine Geschäfte gern in der „Wir“-Form. Und genauso handelt sie. Hat sie Gäste daheim in Vaihingen, brüstet sie sich: „Gucken Sie mal die netten Mädchen an, die uns hier bedienen, die sind alle aus der SEL-Kantine.“

Die liebsten Gäste sind natürlich die Mächtigen dieser Welt. Die attraktive und selbstbewußte Lohr-Gattin schaffte es sogar, daß zu ihrem 50. Geburtstag Lothar Späth, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, die Ansprache hielt. Inzwischen allerdings hat Späth die enge Beziehung zu den Lohrs abkühlen lassen. Auch dem Politiker konnte nicht verborgen bleiben, daß der Stern des SEL-Vorstandsvorsitzenden sank.

Nachdem die Franzosen bei SEL eingestiegen waren, verschlechterten sich Lohrs Karriereaussichten schlagartig. Zwischen dem Deutschen und dem CGE-Boß Suard stimmte von Anfang an die Chemie nicht. Das Verhältnis wurde nicht besser, als die Stuttgarter überraschend hohe Verluste in einigen Geschäftsbereichen nach Paris melden mußten. Bei der Unterhaltungselektronik (Marken Graetz und Schaub-Lorenz) rutschte SEL 1987 mit über 60 Millionen Mark ins Minus – nicht der erste Verlust in dieser Sparte, die deshalb noch im selben Jahr an die finnische Nokia-Gruppe verkauft wurde. Ein Jahr später schlidderte der Bereich Bürokommunikation in die roten Zahlen – vermutlich fehlen mehr als 70 Millionen Mark in der Ertragsrechnung. Der Gewinn der SEL-Kernsparte Nachrichtentechnik wird dadurch beinahe vollständig aufgefressen.

Schon im April 1988, als der Lohr-Vertrag zur Verlängerung anstand, feuerte CGE-Chef Suard einen deutlichen Warnschuß ab: Nur drei statt der üblichen fünf Jahre sollte Lohrs Vertrag laufen. Und sein Nachfolger ist schon in Sicht. Demnächst wird Hans-Ulrich Schroeder in den SEL-Vorstand einziehen. Suard schätzt Schroeder hoch ein, den er aus dessen Zeit bei Kabelmetal Elektro in Hannover kennt – einem Unternehmen des CGE-Konzerns.

Längst hat sich Lohr, der von 1959 bis 1964 als Diplom-Ingenieur bei der Bundespost beschäftigt war, nach einem neuen Posten umgesehen. Bis vor kurzem galt er als aussichtsreicher Bewerber für das Amt des Telekom-Vorstandsvorsitzenden. Nach der Strukturreform der Post soll Telekom einer der drei neuen Gesellschaften des Staatsunternehmens werden.

Aus dem Post-Job wird nun wohl auch nichts, selbst wenn sich – frühestens in Monaten – herausstellt, daß sich der Verdacht der Staatsanwälte gegen Lohr nicht beweisen läßt. Dann kann der 57jährige sich möglicherweise bald ganz auf zwei Ehrenaufgaben konzentrieren, die ihm bisher eher Zierde waren: Lohr ist Konsul von Großbritannien und Indonesien.