DIE ZEIT

Mitten im Gezeitenwechsel

I. Es gibt Zeiten, in denen die Stimmung wechselt von Jahr zu Jahr. Dann wiederum, viel seltener freilich, gibt es Jahre, in denen nicht die Stimmung sich wandelt, sondern die Grundbefindlichkeit: Es wechseln die Zeiten.

Nachgetreten

Peter Kurt Würzbach, der entlassene Parlamentarische Staatssekretär aus dem Verteidigungsministerium, hat inzwischen einräumen müssen, daß er im Streit mit seinem verantwortlichen Minister über ein befristetes Tiefflugverbot nach der Katastrophe von Remscheid das Strafgesetz mißachtete.

Angstpartie

Clayton Flick hatte sich für seine Verlobte ein besonderes Weihnachtsgeschenk ausgedacht: einen Einkaufsbummel durch New York.

Ben Witter: Angetippt

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger", heißt es jetzt, wenn sich Politiker an das Volk wenden ... "Meine sehr verehrten Damen und Herren", das kommt höchstens für Kreise in Betracht, denen es nicht oft genug festlich und feierlich in Schwarz sein kann .

Die alten Gewißheiten und Gehäuse wanken

Das Jahr 1988 in unserer westdeutschen Politik – was hat es gebracht? "Im Auslegen seid frisch und munter! Legt ihr’s nicht aus, so legt was unter", schrieb Goethe in den "Zahmen Xenien".

Lauter Zeichen der politischen Vernunft

Dante Caputo, argentinischer Außenminister und dieses Jahr Präsident der Vollversammlung der Vereinten Nationen, fand die wohl treffendste Charakterisierung für das in der internationalen Politik so erstaunliche wie ereignisreiche Jahr 1988.

Rückkehr zur Vielfalt

Osteuropa ist im Aufbruch. In Prag zogen zum 20. Jahrestag der sowjetischen Intervention 10 000 Menschen durch die Straßen und riefen "Freiheit".

Der neue Kölner Oberhirte: Zur Fastenzeit an den Rhein

Kräftige Bilder quellen ihm beim Reden, nicht nur beim Predigen, geradewegs aus dem Mund. Selbst wenn bei seinen herzhaften Sprüchen mancher Vergleich mißglückt, man spürt doch, was gemeint ist – so wenn jetzt dieser Kardinal Joachim Meisner den allerhöchsten Willen seines Papstes, ihn von der Spree an den Rhein zu versetzen, ungewollt ironisierte: Aus dieser "Muß-Ehe" wolle er eine "Liebesheirat" machen – "schweren Herzens".

Umweltschutz in der Sackgasse

Für Westeuropa war 1988 das Jahr der Umweltskandale. Der immer aufs neue mit Chemikalien verschmutzte Rhein zwischen Ludwigshafen und Rotterdam; die überdüngten Böden, die das Grundwasser gefährden; die mit Schadstoffen überlastete Nordsee: Die Umweltzerstörung hält sich nicht an nationale Grenzen, sondern ist zum Thema Europas geworden.

FALL 1: Autoabgase

Als der deutsche Umweltminister Klaus Töpfer am Mittwoch, dem 29. Juni 1988, das Europa-Zentrum auf dem Luxemburger Kirchberg verließ, strahlte er Zufriedenheit aus.

FALL 2: Trinkwasser

Vor kaum einer Umweltkatastrophe ist so lange gewarnt worden wie vor der Algenpest in der Nordsee, die in diesem Sommer große Teile der Fischbestände in Skandinavien vernichtet hat.

FALL 3: Ozonloch

Eines kann die Europa-Parlamentarierin Beate Weber überhaupt nicht leiden: wenn sich der deutsche Michel ordentlich selber auf die Brust klopft und stolz auf seine "Vorreiterrolle" in europäischen Umweltschutz verweist – und wenn er gleichzeitig voller Empörung mit dem Zeigefinger auf die bösen Sünder zeigt, die seine Anstrengungen in Brüssel immer wieder zunichte machten.

Wein und Wahrheit: Hoftore zu

Lassen Sie sich nur Zeit!" zischt einer der sieben Angeklagten dem Vollzugsbeamten entgegen, der ihm eben die Handschellen löst.

Drohende Abschiebung: "Heim" zu Chomeini

Zu Chomeini zurückkehren? Niemals!" sagt Masud Zamani, und die Angst ist sichtbar in seinen Augen. Der elfjährige Junge aus Teheran lebt seit 18 Monaten bei einer deutschen Familie in Annweiler, einem Städtchen an der südlichen Weinstraße in Rheinland-Pfalz.

Mit voller Kraft voraus

Die Wirtschaft wächst schneller denn je in diesem Jahrzehnt, doch das nächste Jahr soll schwächer werden

Bonner Kulisse

Der Spruch des Jahres stammt, das ist fast schon Tradition, von Bundeskanzler Helmut Kohl. Bereits im Januar prägte er den geradezu revolutionären Satz: "Wir sind damit angetreten – und wir bleiben natürlich dabei, das ist, wenn Sie so wollen, ein Gütesiegel dieser Regierung –, daß wir keine Schulden machen.

Wenn der Papierkorb zum Füllhorn wird

Journalisten und andere Schreiber kennen die Situation: Das Blatt ist leer, die Materie trocken und die Zeit knapp. Wenn dann die zündende Idee ausbleibt, wenn das Chaos im Kopf wächst, herrscht erhöhte Metaphern- und Stilblütengefahr.

Opfer ohne Sinn

Vorsichtig reicht eine peruanische Hausfrau uns zwölf Eintausend-Inti-Scheine durchs Gitter. Wie die meisten Mittelklasse-Häuser in Lima ist auch ihres durch dicke Eisenstäbe von der Außenwelt abgeschirmt.

Zeit und Geld: Automatische Aufträge für Aktionäre

Es gibt zwei Dinge, über die sich ein Börsianer fürchterlich ärgern kann: eine verpaßte Hausse, weil er auf eine Aktie erst aufmerksam wurde, als deren Kurs schon hoch war, und eine verschlafene Baisse, weil er ein Papier nicht vor dem Kursverfall rechtzeitig abgestoßen hat.

Bank und Börse: Glanzloses Metall

Mit einem steilen Preisanstieg um bis zu 45 Prozent in nur zwei Monaten hat Platin jüngst die Aufmerksamkeit mancher Anleger auf sich gezogen.

Markt-Report: Keine Festtagsruhe

Selten waren die Börsenprognosen so einhellig positiv wie an dieser Jahreswende. Zwischen den Festtagen sorgten lebhafte Umsätze für steigende Kurse an den deutschen Börsen.

Kein Ausverkauf

Friderichs: Vordringliche Aufgabe ist, einen Überblick und einen vertieften Durchblick in dieses sehr verschachtelte Gebilde zu bekommen.

ZEITRAFFER

Mit 250 000 neuen Stellen auf dem Arbeitsmarkt im kommenden Jahr rechnet Klaus Murrmann, Präsident der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände.

AUTOSELLER

Keine Krise, sondern lediglich eine Normalisierung nach dem Rekordjahr 1987 signalisieren die vielen Minuszeichen in der Zulassungsstatistik – vorerst jedenfalls.

MANAGER UND MÄRKTE

Alfred Herrhausen: Ganz oben Bernd Otto: Ganz unten Hans Friderichs: Voll wieder da

Falsches Gedenken am falschen Ort

Wenn im Dezember der durchdringende, feuchte, bitterkalte Nordwestwind um den nördlichsten Aussichtspunkt Europas tobt, wagt sich kein Mensch mehr an diesen trostlosen Ort.

VOR VIERZIG JAHREN: Die Bilder kehren zurück

In der Hoffnungslosigkeit dieser grauen Jahre haben wir zu wenig an die helfende Kraft der großen Kunst geglaubt. Das Haus unseres Lebens war so arm geworden wie die grauen Wände unserer Wohnungen.

Die Welt erlösen, notfalls mit Gewalt

Amerika ist God’s own country. Davon sind die Amerikaner überzeugt. 75 Prozent von ihnen fühlen sich von Gott geliebt. Ihr Land ist nicht groß und stark, weil es reich ist, sondern weil es gut ist.

Im grauen Bonner Beton

BONN. – Niemand wird je auf den Gedanken kommen, unser politisches Gewühle ein "Faszinosum" zu nennen. Alles ist dort gewissermaßen geistig in grau getaucht.

Das Ende ist in Sicht

Auf der internationalen Bühne erleben wir alle, wie auf dem Weg Namibias in die Unabhängigkeit erhebliche Fortschritte erzielt wurden.

BUCH IM GESPRÄCH: Zu viel und zu wenig

Das ist schon eine dramatische Geschichte: wie die Bundesrepublik, vom Kriege zerstört, eine halbe Nation, hilflos und abhängig, allmählich Ansehen und Gewicht auf der internationalen Bühne gewinnt.

Nur kleine Schritte helfen

CAMBRIDGE, MASS. – Die Politiker sollten aufhören, uns ein "drogenfreies Amerika" zu versprechen. Niemand bringt das zuwege.

1988, das "Schopenhauer-Jahr", ist vorbei; in unzähligen Artikeln und Büchern, auf Kongressen überall in der Welt hat man des Philosophen gedacht. Vergessen aber und ignoriert wurden wieder einmal die beiden "anderen Schopenhauer": die Mutter und die Schwester.: Bestseller und Scherenschnitte

Die junge Dame... war recht unschönen, aber intelligenten Ansehens, – ja, schon die Art, wie sie vom ersten Augenblick an und dann immerfort das doch unverkennbare Schielen ihrer gelb-grünen Augen teils durch häufigen Lidschlag, teils durch hurtiges Umher- und namentlich Emporblicken zu verbergen suchte, erweckte den Eindruck einer nervösen Intelligenz, und ein zwar breiter und schmaler, aber klug lächelnder und sichtlich in gebildeten Rede geübter Mund konnte die hängende Länge der Nase, den ebenfalls zu langen Hals, die betrüblich abstehenden Ohren übersehen lassen .

DER UMZUG

Do güng de Mann hen, un syne Fru seet nich meer in’n Pißputt, dar stünn awerst ene lüttje Hütt, un syne Fru seet vor de Dohr up dene Bank.

DAS LETZTE: Möbel und Mächte

"Der Umzug", so sagte schon Schumpeter in einer entzückend altfränkisch anmutenden Wendung, "der Umzug ist der Zeitläufte widrigster Teil".

Zeitmosaik

Thomas Bernhard ist auch ein Beamter. Er schreibt ja so, als ob er vom österreichischen Staat angestellt wäre, um gegen Osterreich zu schreiben.

Filme

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Senioren! In unserem Magazin für Lebenshilfe bringen wir heute die Sendung "Was Sie schon immer über die Jugend wissen wollten – aber nie zu fragen wagten".

Marcel Reich-Ranicki geht und bleibt

Der Fragebogen, den der Schriftsteller Marcel Proust in seinem Leben gleich zweimal ausfüllte, war in den Salons der Vergangenheit ein beliebtes Gesellschaftsspiel.

Kunstkalender

Lesser Ury? Ein fast vergessener Name, eine ferne Erinnerung an regennasse Berliner Straßenbilder, für die er seinerzeit berühmt war.

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